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Philosophische Bibliothek
Band 7o
G.W.v Leibniz
Erläuterungen
zu den
Neuen Abhsmdlungen
über den
mensehliehen Verstand
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Philosophische Bibliothek Erläuterungen
zu den
Neuen Abhandlungen
über
den menschlichen Verstand
von
G. W. V. Leibiiiz.
Herausgegeben
von
C. Schaarschmidt.
Zweite Aui'la^e.
Leipzig.
Verlag der Diirr'scben Buchhandlung.
1908.
Druck von C. Grumbach in Leipzig.
Erläuterungeü.
1) Vorrede. S. 3. Als Leibniz sein W erk schrieb, war der Ruhm Lockes und dessen Buches über den menschlichen Verstand bereits ein sehr ausgebreiteter. Mehrere Ausgaben des letzteren waren in England er- schienen: nächst der ersten vom Jahre 1690 die der Jahre 1694, 1697, 1700; außerdem aber die franzö- sische Übersetzung Costes (Amsterdam 1700), an welcher Locke selbst mitgearbeitet hatte. (Vgl. Anm. 29.)
2) Vorrede. S. 3. Verstand (englisch: understand- ing) ist hier im Sinne des aus der Griechisciien Xovg ins Latein übersetzten Intellektus genommen und be- zeichnet — anders als in der heutzutage meist üb- lichen Bedeutung des Wortes — die Gesamtheit der menschlichen Erkenntniskräfte, wofür Kant und dessen Schule den Ausdruck „Vernunft'* (im weiteren Sinne des Wortes; einführten.
3) Vorrede. S. 4. Dieser Vergleich ist nur als ein vorläufiger zu betrachten, um den Gegensatz zwischen des Verfassers und Lockes Standpunkt an einem be- kannten Beispiele zu veranschaulichen. Denn streng genommen trifft die Parallele nicht zu, wie auch aus dem Zusätze, den Leibniz gleich macht, erhellt. Aristoteles nämlich nimmt — um nur an die Haupt- gegensätze der betreffenden beiderseitigen Erkenntnis- theorien zu erinnern — vor allen Dingen Prinzipien, die dem Geiste als solchem eigen sind, an, während Locke solche leugnet; Plato wiederum erkennt die Erfahrung mittelst sinnlicher Wahrnehmung in ganz anderem, eigentlicherem Sinne an, als Leibniz, und behauptet keineswegs, wie dieser, eine absolute Spon- taneität des Vorstellens.
Leibniz, Krliatornngen. 1
2 Erläuterung 4 — 7.
4) Vorrede. S. 4. Der Ausdruck „akroamatisch" stammt von Akroama her, was den mündlichen Vor- trag philosophischer Lehren bedeutet. Der Gebrauch des Wortes geht auf Aristoteles zurück, welcher gleich Plato die eigentlich wissenschaftliche Verhandlung dem mündlichen Vortrag und den mündlichen Übungen mit seinen Schülern vorbehielt, in der literarischen Dar- stellung aber populär (exotefisch) verfuhr. Man ver- gleiche darüber Jac. Bernays' Dialoge des Aristoteles pag. 30 ff. und Madvig im Exkurs VII zur Ausgabe von Cicero de Finibus. Leibniz selbst läßt sich darüber aus de Stilo philosophico Nizolii XVI. (Opera ed. Erdmann Nr. V. p. 63).
5) Vorrede. S. 4. Allerdings hat Aristoteles, wenn auch nicht die Seele überhaupt, so doch den Geist (oder die Vernunft, bei ihm vovg) mit einer unbe- schriebenen Tafel verglichen (v. d. Seele, Buch III, Kap. 4 § 11), indessen ist dies keineswegs in dem Sinne zu verstehen, daß das Denken bloß ein von außen aufnehmendes, der Geist ein bloß rezeptives Vermögen sein solle. Nach Aristoteles ist vielmehr der denkende Geist teils aufnehmend oder leidend, teils produktiv oder tätig, wie aus demselben dritten Buch von der Seele erhellt.
6) Vorrede. S. 4. Die Schulphilosophie, auf welche Leibniz sich hier wie im Verlauf seines Werkes noch öfters beruft, ging eben von den aristotelischen Be- stimmungen aus. Sie nahm im allgemeinen eine drei- fache Quelle der Erkenntnis an: 1. experientia, die Erfahrung durch die Sinne, 2. ratio, das logische Schlußvermögen, 3. intellectus, das Vermögen der Ideen, welches gerade der aus dem Innern für sich tätige, nicht aus der sinnlichen Erfahrung schöpfende Verstand (oder Geist) des Aristoteles ist.
7) Vorrede. S. 5. Die hier ausgesprochene Meinung, daß die Stoiker dem Geiste als solchem eigene, von der Erfahrung unabhängige Gemeinbegriffe unter de«i Namen jiQo^ysig, zugeschrieben hätten, ist nicht haltbar. Vielmehr ließen die Stoiker die Be-
Vorrede. 3
griffe, welche sie y.oival hvoiat oder :zQokTJtpeig nannten, aus den sinnlichen Wahrnehmungen mittels der Ab- straktion hervorgehen. Also standen sie der Locke- schen Theorie viel näher, als der des Aristoteles; sie haben demgemäß auch das Erkenntnisvermögen im Sinne Lockes mit einer leeren Tafel verglichen (Plut. plac. philos. IV, 11). Wenn sie daher von „natür- lichen" oder ,, eingepflanzten" Begriffen reden, ver- stehen sie darunter doch nur auf dem Wege der — natürlichen, jedem gleichen — Erfahrung aus der Sinnlichkeit gebildete Gemeinvorstellungen. Die stoische Erkenntnistheorie ward durch Vermittlung des Boethius die Quelle des mittelalterlichen Nomina- lismus.
S) Vorrede. S. 5. Schon hier deutet Leibniz auf seine im Verlaufe des Werkes näher begründete Ein- teilung der Wahrheiten in notwendige und tatsächliche (zufällige) hin. Die ersteren sind nach L. als die „ewigen Vernunftwahrheiten'* teils logische Gesetze, teils allgemeine Begriffe, welche dem Geiste als solchem zukommen und aus ihm selbst entwickelt werden, um ins Bewußtsein zu gelangen; die letzteren, die faktischen Wahrheiten, sind aus dem Erfahrungs- mäßigen und darum Tatsächlichen von uns durch Ab- straktion gebildet. An diesen Gegensatz, dessen weitere Durchführung im zweiten Buch erfolgt, knüpfte Kant den des sogenannten apriorischen und aposteriorischen Denkens an, indem er dem ersteren den Charakter der Notwendigkeit und Allgemeinheit, dem letzteren den der Zufälligkeit und Tatsächlichkeit (Besonderheit) zu- erteilte. (Vgl. Anm. 56.)
9j Vorrede. S. 6. Damit hat Leibniz seinen Gegensatz gegen Lockes Theorie am schärfsten be- zeichnet: die Erfahrung kann der Natur der Sache nach niemals etwas schlechthin Allgemeines und All- gemeingültiges liefern, sie ist daher unfähig, den fundamentalen Wissenschaften der Logik, Metaphysik und Moral zum Unterbau zu dienen, die mit schlecht- hin allgemeinen Grundwahrheiten ausgerüstet sein müssen.
4 Erläuterung 10 — 11.
Wenn nun die Frage, wie diese reinen Vernunft- wahrheiten im Bewußtsein entstehen und worin sie bestehen, auf die verschiedenste Weise beantwortet worden ist, so nimmt Leibniz an, daß dieselben mittels einer Entwicklung des Geistes aus sich heraus ins Bewußtsein gelangen. Dieser Übergang aus der Mög- lichkeit in die Wirklichkeit {a potentia ad actum) ge- schieht bei Gelegenheit der 'sinnlichen Erfahrung, die dazu gewissermaßen den Anlaß oder die conditio sine qua non, nicht aber die zureichende Ursache abgibt. Leibniz verteidigt in diesem. Sinne also das „Ange- borensein" der Vorstellungen gegen Locke. Er über- treibt aber dies idealistische Prinzip insofern, als er eine absolute Spontaneität des Verstandes annimmt, während derselbe in seiner Entwicklung offenbar auf die Wechselwirkung mit der Erfahrung angewiesen ist, welche den Ausdruck unserer realen Beziehungen zu anderen Wesen bildet. Dem Inhalt nach sind in der Theorie Leibnizens die ,, ewigen" und ,, notwen- digen" Vernunftwahrheiten die Prinzipien alles Wis- sens und liefern demnach nicht nur die Grundsätze der formalen Wissenschaften, wie der Logik und Mathematik, sondern auch der Metaphysik und Ethik.
10) Vorrede. S. 7. Den Gegensatz zwischen der menschlichen und tierischen Erkenntnis, dessen Er- örterung in unserer Zeit zu interessanten Kontroversen geführt hat, hat H. S. Reimarus in seiner Schrift ,, Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Tiere" im 2. Kapitel besser als die meisten späteren Schrift- steller behandelt. Leibniz teilt, wie wir später sehen werden, keineswegs die Ansicht Descartes', daß die Tiere lebendige, aber seelenlose Automaten wären; er nimmt aber doch zwischen Tier- und Menschenseelen, wie der Text zeigt, eine spezifische Verschiedenheit an.
11) Vorrede. S. 8. „Intellektuell" ist hier als Gegensatz von „sinnlich" zu nehmen. Entweder, das will Leibniz sagen, verweilen wir mit unserer Auf- merksamkeit bei den sinnlichen Bildern, deren Quelle die sinnliche Wahrnehmung ist, oder bei den ver- standesmäßigen (sprachgeformten) Vorstellungen, den
Vorrede. 5
Denkbildern, zu deren Entstehung die Gemeinvorstel- lungen — Kant nannte sie Kategorien oder Stamra- begriffe des Verstandes — erforderlich sind; Geraein- vorstellungen, welche der Erfahrung durch die Sinne nicht entstammen, sondern unserm Verstände als solchem zukommen und darum als „angeboren" oder „eingepflanzt" gelten müssen.
12) Vorrede. S. 9. Potentiell (oder virtuell) be- deutet als Gegensatz zu „aktuell" das Real-Mögliche. Hier ist es das Vermögen, wodurch eine Substanz (die Seele) aus eigener Machtvollkommenheit in einen neuen Zustand als eine für sie neue Aktualität übergeht. Unsere Seele enthält unendlich viele Vorstellungen der Möglichkeit nach als Anlagen, Keime oder zurück- gelassene Spuren und Reste früherer Tätigkeit, welche sie auf bestimmte Veranlassung verwirklicht, d. h. sich ins Bewußtsein ruft. Diese leibnizische Anwen- dung des — ursprünglich weiteren — aristotelischen Begriffs der Potenz auf die Seele ist für die neuere Philosophie höchst wichtig und fruchtbar geworden.
13) Vorrede. S. 9. Nach Plato stammen die Ideen, welche Gegenstand unseres vernünftigen Denkens sind, aus einer Anschauung, welche unsere Seele in ihrem vor- und überirdischen Dasein genossen hat. Diese Anschauung geht Piatos Lehre zufolge auf die uns während unserer Präexistenz gegenwärtigen, wirk- lichen Vorbilder oder Urbilder (/raoaSetyiiaza) der Dinge, welchen Plato den Namen der Ideen (eTStj oder löeai), d. h. eigentlich Gestalten (Prototype), gegeben hat. Plato nahm ferner an, daß der Mensch, durch einen vorweltlichen Sündenfall in dieses irdische Leben ver- stoßen, sich jener von ihm einst genossenen An- schauungen dunkel erinnere und die Gegenstände der- selben in seinem Gedächtnisse so bewahrt habe, daß die Wiedererinnerung daran hier auf Erden mit Hilfe dialektischen Philosophierens hervorzutreten vermag. Nach Plato wären also die Ideen als die subjektiven Abbilder einer Welt idealer Wirklichkeit der Potenz nach in uns; es bedürfe aber der dialektischen Tätig- keit, um sie ins volle Bewußtsein zu rufen. Beim
6 Erläuterung 14 — 17.
Unglauben an die von Plato vorausgesetzte Wirklich- keit einer objektiven Ideenwelt bedeutet das Wort Idee nur noch das subjektive Denkbild des wirklichen Wesens der Dinge.
14) Vorrede. S. 9. Gesetzt nämlich, daß die Re- flexion, welche bei Locke nur mit den Tätigkeiten des Innern als solchen zu tun hat, jenen weiteren Inhalt empfängt, der die „ewigen" und „notwendigen" Grund- wahrheiten mit umfaßt, und auf welchen man in der Tat geführt wird, wenn man die Voraussetzungen und Modalitäten, unter denen jene Tätigkeiten vor sich gehen, ins Auge faßt.
15) Vorrede. S. 10. Diese Schrift Boyles ist be- titelt: dissertatio de intestinis motibus particularum solidorum quiescentium, in qua absoluta corporum quies in disquisitionem vocatur, und findet sich im ersten Bande der Opera varia R. Boyles (Genevae, S. de Tournes, 1860. 4^.). Boyle bekämpft darin die Lehre von der absoluten Ruhe der Körper mit schla- genden Gründen.
16) Vorrede. S. 10. Die Atome nämlich werden durch eine ihnen fremde Kraft in Bewegung ge- setzt, während die leibnizischen Monaden das Prin- zip der Bewegung (als force active) in sich haben.
17) Vorrede. S. 11. Hier erhellt der Ursprung und Sinn der später vielfach bekämpften Lehre Leib- nizens, daß die sinnliche Erkenntnis verworren sei. Die Erscheinungen, welche der subjektive Ausdruck der spezifischen Sinnesenergien sind, wie Farben, Töne, Gerüche usw., widerstehen jeder weiteren Ana- lyse und sind darum, wenn auch in ihrer Gesamtheit einheitlich klar, doch ihren einzelnen Elementen nach unauflöslich und insofern verworren. So ist die grüne Farbe etwas für unsere Empfindung Einheitliches und Klares, besteht aber aus Elementen des Blauen und Gelben, die unsere Augen nicht zu unterscheiden ver- mögen; so entspringt der Schall z. B. eines abge-
Vorrede. 7
schossenen Gewehrs, der als ein Einzelnes und Homo- genes unsern Ohren erscheint, aus vielen Elementen bewegter Luftteilchen usw.
18) Vorrede. S. 11. Vgl. Hippokrates Tzegi too- (prjg § 23 (Littre, Oeuvres d'Hippocrate. Tom. IX.
p. 106)'. ^i'oooia fxia, ^vurtroia jiiia, ^vfuiaOea .-idvza x. r. /..
Leibniz las wahrscheinlich ^v^ivoia .ToVra mit Auslas- sung der dazwischen fehlenden Worte fiia-^vu.iaOea, indem er H'ujivoia, welches im hippokratischen Texte Substantiv ist, als Adjektiv faßte. Hippokrates hat einmal den einzelnen menschlichen Körper ovm.tioit, d. h. in sich übereinstimmend, sihi conspirans, genannt; als Beiwort des Universums kommt oviu-ivov? bei Plutarch de Fato gegen den Schluß der Abhandlung vor.
19) Vorrede. S. 12. Hinlänglich deutlich nämlich, um ins Bewußtsein zu gelangen oder mit andern Worten kräftig genug, um eine Tätigkeit des Innern hervor- zurufen, deren wir uns bewußt werden.
20) Vorrede. S. 12. Anspielung auf Bayle, welcher in dem berühmten Artikel ,,Rorarius" seines Wörter- buchs die Leibnizsche Hypothese einer eingehenden Besprechung unterzogen und deren Vorzüge anerkannt hat. (Vgl. Anm. 45, S. IT.j
21) Vorrede. S. 13. Pneumatik kommt in dieser Bedeutung — als Lehre vom Geiste — schon bei Aisted vor, wie dessen Enzyklopädie (Herborn 1G30) ausweist. Der Ursprung dieses Gebrauchs ist nicht in der klassischen Literatur, sondern in der neutesta- mentlichen Sprache zu suchen. Neben dieser Bedeutung von Pneumatik, welche auch Steph. Chauvin in seinem Lexicon philosophknni (Leovardiae, 1713) adoptiert und mit Pneumatologie und Pneumatosophie erläutert, läuft eine andere her, welche Pneumatik als die Lehre von der Luft und deren Eigenschaften faßt.
22) Vorrede. S. 13. Leibniz leitet dies Gesetz, welches seitdem weniger in der Psychologie als in der Physik eine Rolle gespielt hat, von seinem Prinzip des
8 Erläuterung 23 — 2."').
zureichenden Grundes ab. Er hat es zuerst, wie er hier erwähnt, in einem Briefe an Bayle (Nouvelles de la repuhlique des lettres p. Bayle. Amsterdam, 1687) auf- gestellt, und außer in mehreren Stellen unserer Schrift besonders in einem Briefe an einen Ungenannten vom 16. Oktober 1707 erläutert, den Guhrauer in seiner Biographie Leibnizens, Bd. I, Anmerkungen S. 31 bis 33 wiedergibt. An einer späteren Stelle darüber mehr.
23) Vorrede. S. 14. Dies ist das Prinzip der indi- viduellen Verschiedenheit {principium indiscernihi- lium), welches nach den Grundsätzen des Wider- spruches und des zureichenden Grundes bei Leibniz als drittes, leitendes Vernunftprinzip erscheint. Er leitet dasselbe aus dem Satze vom zureichenden Grunde in seinem fünften Schreiben an Clarke § 21 (Erdm. S. 765) so ab: In der Natur sind nicht zwei vv'irkliche Dinge, von denen das eine von dem andern gänzlich ununterscheidbar wäre, vorhanden. Denn in diesem Falle würden Gott und die Natur ohne Grund handeln, wenn sie das eine ganz anders als das andere behandelten. Also folgt, daß Gott nicht zwei Teile der Materie hervorbringt, welche unter sich vollkommen gleich und entsprechend wären. Ganz ähnlich drückt sich Leibniz in den Principia philosopJiiae ad princi- pem Eugenium § 9 (Erdmann Nr. LXXXVIII. S. 705) und auch sonst noch darüber aus.
24) Vorrede. S. 14. Beim Abstrahieren, dies will Leibniz sagen, ist es erlaubt, von gewissen Eigentüm- lichkeiten oder Eigenschaften des Gegenstandes für den Augenblick abzusehen, um anderes dafür besser und aufmerksamer in Betracht ziehen zu können. Aber dabei darf nicht vergessen werden, daß man sich von der Wirklichkeit entfernt hat und dieselbe im Bewußt- sein immer nur teilweise sich vorstellt.
25) Vorrede. S. 14. Sofern die körperliche Natur der mathematischen Regelmäßigkeit niemals ganz ge- nau entspricht, wie z. B. genau genommen, es in der Welt keinen ganz regelmäßigen Kreis, keine vollkom- mene Kugel usw. gibt.
Vorrede. 9
26) Vorrede. S. 16. Darunter versteht Leibniz diejenigen, welche nach Widerlegung der von der Schulphilosophie aufgestellten Scheingründe für die Unsterblichkeit letztere leugnen zu dürfen glaubten. Sonst vrerden sie von ihm auch Freigeister ge- nannt.
27) Vorrede. S. 17. Von der substantiellen Ein- heit des tätigen Verstandes {mr^ zion^ny.ö^ der Aristo- teliker) ausgehend, hugnet Averroes die Unsterblich- keit der individuellen Seolen, welche er nach dem Tode der Menschen in jene universelle Substanz des tütigen göttlichen Verstandes wieder zurückgehen läßt. Dieser Leugnung der Unsterblichkeit durch Averroes und dessen Anhänger, welche später als ein Hauptzug des schon von Thomas von Aquino bekämpften Averro'is- mus hervortrat, nähern sich auch die Mystiker und Quietisten. Letztere waren zu Leibnizens Zeit beson- ders die Anhänger der M. de Guyon, welche „vom Übermaß 'der göttlichen Gnade bersten" wollte, und die der Ant. ßourguignon, über welche L.s Brief CXLIV bei Feder (S. 459) zu vergleichen ist.
28^ Vorrede. S. 18. Stillingfleet, Bischof von Worcester, einer der berühmtesten theologischen Kon- troversisten seiner Zeit, griff Locke an wegen dessen Schrift: The Reasonahleness of Christianiti/, as ddiver- ed in the scriptures. (Bd. VI der Gesamtausgabe v. J. 1824.1 Zwischen beiden entspann sich infolgedessen eine Polemik in mehreren Schriften, die bis zum Tode Stillingfleets (1699) gewechselt wurden. (Näheres bei Lechler, Geschichte des englischen Deismus, Buch II, Abschn. I, Kap. II, S. 166 ff., sowie in Lockes Life hy Lord King. 2. ed London, 1830. Bd. I, S. 359 ff., wo auch ein Brief Leibnizens mitgeteilt ist, aus dem hervorgeht, daß er schon während des Streites zwischen Locke und Stillingfleet denselben mit reger Teilnahme verfolgte.) Einfi^ehend handelt darüber Foucher de Gar eil, Lrttrrs et opuarnha inedits de Lrihniz. Paris, 1854, Introduktion S. 62 ff., und teilt S. 1 — 26 einen von Leibniz gemachten Aus- zug des Stillingfleetschen Werkes mit.
10 Erläuterung 29—33.
29) Vorrede. S. 19. Die französische Übersetzung, von der hier die Rede ist, wurde von Coste (unter Mit- wirkung Lockes) verfaßt. Sie erschien 1700; dann 1729 und 1742 wieder. Leibniz pflegt sich bei seiner Polemik gegen Locke an diese durch zwei Kapitel vermehrte französische Übersetzung zu halten. Es verdient übrigens bemerkt zu werden, daß Locke, noch ehe er sein Werk in englischer Sprache (1690) publi- zierte, einen kurzen Überblick desselben in franzö- sischer Sprache in Leclerks Bibliotheque universelle Bd. 8 (v. J. 1688) erscheinen ließ.
30) Vorrede. S. 19. Aus dem lateinischen Versus memorialis : omnia jam fient, fieri quae posse negabam, der den Tristien des Ovidius (Bd. I, eleg. VIII, v. 7) entnommen ist.
31) Vorrede. S. 20. Wie auch aus den folgenden Zitaten Leibnizens erhellt, hatte der Streit Lockes mit diesem ihm in philosophischer Hinsicht gar nicht gewachsenen Gegner wenigstens das Gute, Locke zur weiteren Explikation, resp. Limitation seiner Ansichten zu bringen, ähnlich wie dies bei Leibniz in dessen Kontroverse mit Ant. Arnauld der Fall war. (Vgl. die Einleitung zum 5. Bande der philosophischen Schriften von G. W. Leibniz. Herausgegeben von C. G. Gerhardt, Berlin, 1882.)
32) Vorrede. S. 24. Die mittelalterlichen Philo- sophen sprachen wohl von solchen „verborgenen" Eigenschaften (qualitates occultae).
33) Vorrede. S. 25. Leibniz bedient sich der Polemik Stillingfleels gegen Locke, welche besonders deswegen interessant ist, weil sie die Unsicherheit des letzteren in bezug auf die wichtige Frage von der Substantialität der Seele zeigt, um daran den Satz zu knüpfen, daß die Seele immateriell sein müsse. Locke selbst, so argumentiert er, hat anerkannt, daß das Denken nicht als Modifikation der Materie begreif- lich sei oder daß mit anderen Worten das denkende Wesen kein bloßer Mechanismus sein könne; also ist
I. Buch. Kap. 1. 11
die Seele als etwas Immaterielles zu betrachten, da der Gedanke, Gott möge durch ein Wunder der Materie das Denken beigelegt haben, eine unzulässige Aus- flucht ist. Im vierten Buche kommt Leibniz auf diesen Gegenstand zurück.
34) Vorrede. S. 27. Bellarmin, welcher in seiner Schrift vom Fegefeuer Buch II, c. 10 — 12 die Frage nach der Art des Brennens im Purgatorium erörtert, lehrt, daß das Feuer desselben zwar ein körperliches sei, aber nach dem Zeugnis des heiligen Augustin die Seelen doch auf wahre, wenngleich wunderbare Weise brenne. Man könne dies freilich in diesem Leben ebensowenig verstehen, wie die Wechselwirkung von Leib und Seele usw.
35) Vorrede. S. 28. In R. Fludds Philosophia Mosaica (Goudae, 1638) und ebenso in seiner ,jdrius- que cosmi metaphysica, physica atque technica hisioria"' (Oppenhemii, 1617) erscheint Gott als das belebende und bewegende Prinzip der Dinge, indem alle Kraft von ihm auf die Materie in wunderbarer Weise aus- strömt, um aus der dadurch geschehenen Differen- zierung nachher wieder zur Einheit zurückzukehren.
36) Vorrede. S. 28. Vermutlich denkt Leibniz dabei an die sogenannten Elementargeister, über welche von den „Philosophen und Ärzten der Vergangenheit" besonders Theoph. Paracelsus gehandelt hatte, sowohl in seiner philosophia sagax als in einem besonderen Buche {de nymphis, sylphis, pygmaeis et salamandris) oder auch an den ,,spiri(us familiaris" anderer, wie des italienischen Philosophen und Arztes Hieronymus Cardanus, der im 47. Kapitel seiner interessanten Selbstbeographie diesen Gegenstand bespricht und da- bei wunderliche Erlebnisse seiner eigenen Vergangen- heit erzählt.
37) I. Buch. K. 1. S. 29. Gemeint ist Nie. Male- branche, dessen Werk: de la recherche de la verite, zueist 1674, am vollständigsten 1712 erschienen, von cartesianischer Basis aus zu einer theosophischen Er-
12 Erläuterung 38—41.
kenntnislehre fortgeht. L. hat sich viel mit Male- branche und dessen Schriften beschäftigt. (Vgl. Erdm. Nr. LXVI. p. 450. [Vgl. Raspe S. 489.] Erdm. Nr. LXXXV. S. 690. Eb. Nr. XCI. S. 722. Eb. Nr. XCV.
S. 736 usw.)
38) I. Buch. K. 1. S. 29. Der hier genannte Bernier (Fran^ois) ist derselbe, welcher durch Reise- werke sich bekannt gemacht hat; das Werk desselben, auf welches Leibniz anspielt, heißt Abrege de la Philo- sophie de Gassendi. Es erschien zuerst in Lyon im Jahre 1678 in acht Bänden, dann im Jahre 1684 in sieben Bänden. Bernier folgte mit Gassendi in der Naturphilosophie den atomistischen Ansichten Epicurs, ohne deren Konsequenzen für die Ethik mit in den Kauf nehmen zu wollen.
39) I. Buch. K. 1. S. 30. Lady Masham war eine der intimsten und treuesten Freundinnen des Philo- sophen, den sie die letzten Jahre vor seinem Tode auf ihrem Landsitze bei sich behielt und in der seinem Tode vorhergehenden Krankheit treulich pflegte. Sie starb 1708. Die Details gibt die Biographie Lockes von King. Leibniz erhielt von Lady Masham das Buch ihres Vaters {Systema hitellectuale hujus universi), wie er Remond de Montmort schreibt (Dutens, Bd. V, p. 25. Vgl. Bd. VI, p. 284).
40) I. Buch. K. 1. S. 30. Dies große Werk des der platonischen Schule von Cambridge angehörenden Cudworth, dessen Grundzug die Verteidigung des Theismus und Geltendmachung einer spiritualistischen Weltansicht bildet, erschien zuerst zu London im Jahre 1678 und ist in Deutschland besonders durch Mos- heims lateinische Bearbeitung (zuerst Jena 1733 ge- druckt) bekannt geworden.
41) I. Buch. K. 1. S.30. Damit sind die ohjec- tiones quintae gegen Descartes* Meditationes de prima philosophia gemeint, welche allerdings eine Reihe sehr scharfsinniger Einwürfe enthalten und Descartes viel zu schaffen machten.
I. Buch. Kap. 1. 13
42) I. Buch. K. 1. S. 31. Damit scheint Leiuniz einen wohl zu beherzigenden Wink über seinen eigenen Entwicklungsgang zu geben, wenn wir ihn auch nicht schlechthin mit der Gesprächsperson Theophil identi- fizieren wollen. Leibniz ging, wie aus der Biographie zu ersehen ist, vom Rechtsstudium aus, welches ihm zunächst zu einem tieferen Eingehen auf die ethischi^n Begriffe Anlaß gab, während das Studium des Car- tesius ihn den physischen und mathematischen Pro- blemen näher brachte, die er dann später, namentlich seit seinem Aufenthalt in Paris, so gründlich be- arbeitet hat.
43) I. Buch. K. 1. S. 31. Wir haben hiermit das Zeugnis Leibnizens, daß er allerdings in seiner Jugend dem Cartesianismus angehangen habe, aber dann wieder von dem.selben, in Anbetracht der gleich darauf im Texte erwähnten Schwierigkeiten und Mißstände dieses Systems, abgefallen sei. Es stimmt damit die bekannte in einem Briefe an Remond de Montmort 1714 getanene Äußerung (Erdm. S. 702): „Ich erinnere mich, ira Alter von fünfzehn Jahren im Rosental bei Leipzig auf einem Spaziergang überlegt zu haben, ob ich die substantiellen Formen (der älteren Schulphilosophie) beibehalten sollte. Endlich siegte der Mechanismus (des cart. Systems) und führte mich zu mathematischen Studien.'* Er nennt daher ebendaselbst die cartesische Philosophie das „Vorzimmer der Wahrheit•^ Auch der übrige Teil des Briefes wirft viel Licht auf die Ent- wicklungsgeschichte des Philosophen und damit auf die folgenden Worte unseres Textes.
44) I. Buch. K. 1. S. 31. Leibniz meint damit die in der Biographie erwähnten Abhandlungen, welche er zur Bekanntmachung und Verteidigung seines Systems der prästabilierten Harmonie veröffentlicht hatte.
45) I. Buch. K. 1. S. 31. In diesem Artikel, worin das zuerst 1648, dann 1654 zu Amsterdam erschienene Buch des italienischen Prälaten zugunsten der Ver- nunft der Tiere {animalia hruta sacpe ratione melius uti hominr) den Ausgangspunkt einer mit großer Ge-
14 Erläuterung 46 — 49.
lehrsamkeit durchgeführten Abhandlung über die Seele der Tiere bildet, und der besonders gegen die Leug- nung der Tierseele seitens der Cartesianer gerichtet ist, wird Leibnizens mit großen Ehren gedacht, und dessen Hypothese über die Tiermonaden aus dem Journal des Savants (Juni 1695 S. 449 ff.) als das beste Auskunftsmittel gegen die verschiedenen wider die Annahme von Seelen dör Tiere gerichteten An- griffe angeführt. (Vgl. Anm. 20, S. 11.)
46) I. Buch. K. 1. S. 31. Es ist ein Grundzug des Leibnizschen Denkens, jedem philosophischen Systeme eine relative Wahrheit zuzuschreiben und demgemäß ihm eine gute Seite abgewinnen zu wollen, um mittels Harmonisierung dieser verschiedenen Elemente die möglich beste Weltanschauung zustande zu bringen. Leibniz kann sich in der Tat rühmen, Momente aller der im Texte genannten Lehren für sein eigenes System verwertet zu haben.
47) I. Buch. K. 1. S. 31. Anspielung auf die vielen Streitigkeiten, welche innerhalb der cartesischen Schule und gegen dieselbe über diesen Punkt geführt worden waren. Über diese hinaus gelangte Leibniz zur prästabilierten Harmonie, welche anzunehmen nach ihm „die natürliche Folge des Satzes von der Erhaltung der Kraft und von der Erhaltung der Richtung der Kraft ist." Leibniz drückt sich darüber öfters so aus, daß Descartes selbst auf die prästabilierte Harmonie hätte kommen müssen, wenn er neben dem Gesetze von der Erhaltung der Quantität der Kraft auch das von der Erhaltung der Richtung der Kraft gekannt hätte (z. B. Sur le principe de vie. Erdm. Nr. LX. S. 430). Man vergleiche W. Sigwart, die Leibnizsche Lehre von der prästabilierten Harmonie. Tübingen, 1822. S. 110—112, 117—118, 121, 132 usw.
48) I. Buch. K. 1. S. 32. In ihren 1690 erschie- nenen opuscula philosophica, quibus continentur prin- cipia philosophiae antiquissimae et recentissimae.
49) I. Buch. K. 1. S. 32. Die Lehre von der All- beseeltheit der Welt, welche unter den Neueren Jord.
I. Buch. Kap. 1. 15
Bruno (de la causa Bd. II, S. 239 — 241. Ausgabe von Wagner) und Spinoza (Ethica L. II, pr. 13 Schol.) vertraten, knüpfte sich teils an die Theorie der plat. Weltseele, teils an pantheistische Tendenzen an. Beiden Irrtümern will Leibniz durch seine Monadenlehre aus- weichen, welche die durchgängige Beseeltheit der Sub- stanzen nicht pantheistisch, sondern individualistisch faßt. Über die beiden dabei von ihm erwähnten Philo- sophen später.
50) I. Buch. K. 1. S. 32. Siehe Anm. 47, S. 17. Der Archeus, ein Wahngebilde der alchymistischen Geistertheorie, haust nach Paracelsus, aus dem Leibniz ihn bezogen und in der Erinnerung behalten zu haben scheint, im Magen des Menschen, um bei der Ver- dauung eine wichtige Funktion auszuüben. —
Das gleich darauf folgende: Morte carent animae, kommt in der Rede des Pythagoras bei Ovid vor {Metamorphoseon Lib. XV. v. 158).
51) I. Buch. K. 1. S. 32. Die körperliche Organi- sation steht mittels der vorherbestimmten Harmonie mit unserer Seelentätigkeit, der nach Leibniz absolute Spontaneität zukommt, in Übereinstimmung und stört oder beeinflußt sie daher nicht.
52) I. Buch. K. 1. S. 33. Der Satz vom Mikro- kosmus, daß jeder Teil des Weltalls (oder jede Monade) das Universum repräsentiere, kehrt häufig bei Leibniz wieder. So in den Princ. Phil, ad princ. Eug. § 65 (Erdm. S. 710), Systeme nouveau de la nature (Erdm. S. 128) usw.
53) I. Buch. K. 1. S. 33. Von Leibnizens ein- gehender Beschäftigung mit den Schriften Spinozas legen manche seiner neuerdings veröffentlichten Pa- piere beredtes Zeugnis ab. (Vgl. A. Foucher de Careil, Lettres et opuscules incäits de Leibniz. Paris, 1854 bis 1857.) Gleichwohl ist es nicht richtig, Leibnizens System für einen unvollkommen überwundenen Spino- zismus zu erklären, da die Anschauungen beider Philo- sophen schon bei dem Fundamentalbegriffe ihrer Systeme, dem der Substanz, sich voneinanderscheiden.
XG Eriäuteruug 54 — 59.
54) I. Buch. K. 1. S. 35. Über den Gedanken- gang, welcher Leibniz zur Annahme dieser Lehre von der reinen Spontaneität des Geistes vermocht hat, ist die Einleitung zu vergleichen (S. XXVIII ff.).
55) I. Buch. K. 1. S. 35. Es ist bemerkenswert, daß schon Leibniz sich hier des Vergleichs mit Coper- nicus bedient, den bekanntlich später Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft, nämlich in der Vorrede zur zweiten Ausgabe, in einer längeren Anmerkung wiederholt und berühmt gemacht hat.
56) I. Buch. K. 1. S. 36. Man vergleiche, was Leibniz schon früher (Vorr. S. 5 ff. Anm. 8) darüber gesagt hat; er kommt auf diesen Gegensatz der Ver- nunft- und tatsächlichen Wahrheiten noch oft zurück, hat aber die genaueren Bestimmungen über die ersteren leider nirgends getroffen, auch kein ganz sicheres Kriterium dafür, was eine Vernunftwahrheit sei, an- gegeben. Erst Kant hat sich dieser Mühe unterzogen, indem er freilich einerseits das Gebiet der Vernunft- wahrheiten bedeutend einschränkte, anderseits gegen Leibniz der Vernunft als solcher fertige Begriffe zuerkannte, aus denen Vernunftwahrheiten entspringen sollen.
57) 1. Buch. K. 1. S. 37. Hiermit sind spätere Arminianer gemeint, da die Häupter dieser Religions- partei, wie Episcopius, Limborch, J. Clericus, ähnlich wie Descartes und Leibniz selbst, eine Gotteserkennt- nis aus natürlicher Vernunft annehmen.
58) I. Buch. K. 1. S. 38. Enthymema ist ein ab- gekürzter Schluß, in welchem eine der Prämissen nicht ausgedrückt wird, also aus dem Bewußtsein ergänzt werden muß, in dem sie dabei als vorhanden voraus- gesetzt wird.
59) I. Buch. K. 1. S. 38. Das französische Souvenir (sich erinnern) aus siihvenire gemacht, heißt ursprüng- lich: zu Hilfe kommen. Der von der Herbartschen
I. Buch. Kap. 1.2. 17
Philosophie eingeführte Ausdruck der Hilfe konnte leider nicht benutzt werden, da sonst das Wortspiel ganz verloren gegangen wäre.
60) I. Buch. K. 1. S. 39. Dies geschieht in dem „Menon" betitelten Dialoge (S. 82 B bis S. 85. Steph.).
61) I. Buch. K. 1. S. 45. In den von Thomas herausgegebenen institutiones peripateticae I. V., ad mentem K. Diybael, aber besonders in dessen „clemo7i- stratio immortalitatis animac rationalis' (Francofurti, 1664; die erste Ausgabe erschien zu Paris, 1655) tract. I, cap. 3 (S. 26 ff.); welchem letzteren Werke das erstere angehängt ist.
62) I. Buch. K. 1. S. 48. Das „natürliche Licht" (lumen naturae) wird von den Kirchenvätern und Kirchenschriftstellern des Mittelalters im Gegensatz zum „Licht der Gnade {lumen gratiae) zur Bezeich- nung der von der Natur allen Menschen als solchen gegebenen Vernunfterkenntnis gebraucht.
63) I. Buch. K. 1. S. 48. Als Kriterium für die angeborenen Wahrheiten stellt Leibniz hier ein un- mittelbares Bewußtsein auf, wie Spinoza sagte: die Wahrheit bezeugt sich selbst und ihr Gegenteil {verum est index sui et falsi). Dies ist die Konsequenz der Descartesschen Lehre von der ,, klaren und deutlichen" Erkenntnis, sowie der von der Intuition, durch welche wir uns der Wahrheit unmittelbar als solcher bewußt werden. (Gart. Princ. Phil. I. § 45. Reg. ad dir. ing. III. p. 6. IV. p. 9. VI. p. 14 usw.) Vgl. das IX. und XI. Kapitel des vierten Buches unserer Schrift.
64) I. Buch. K. 2. S. 53. Der theoretischen Grund- wahrheiten werden wir uns unmittelbar als solcher bewußt; anders ist es mit den praktischen; Lust und Unlust werden al? solche freilich unmittelbar empfun- den, aber um zu finden, was sie sind, d. h. welches ihre Wesenheit ist, bedarf es nachkommender Überlegung.
65) I. Buch. K. 2. S. 56. Unter dem Instinkt ver- steht Leibniz hier eine bestimmte Neigung zu einer
Leibniz, Erläuterungen. 2
18 Erläuterung 06—69.
gewissen Handlungsweise, die aus dem Bedürfnisse entspringt und dasselbe zu befriedigen dient. „Instinkt- mäßige" Wahrheiten gehen also auf unser Naturell zurück und sind darum, der allgemeinen Ansicht Leibnizens gemäß, angeborene Wahrheiten.
66) I. Buch. K. 2. S. 57. In der Geschichte der Jncas von Peru, von der im 'Jahre 1787 eine deutsche Übersetzung, von G. E. Böttger verfaßt (Nordhausen, Groß), erschienen ist.
67) I. Buch. K. 2. S. 57. Diese unsaubere Ge- schichte findet sich in dem sehr interessanten, selten gewordenen Buche: Mart. a Baumgarten in Breiten- bach peregrinatio in Aegyi^tum, Arabiam, Falaestinam et Syriam (Noribergae ex off. Gerlachiana p. P. Kauff- mannum, 1694. 4o). L. II. c. 1. p. 73.
68) I. Buch. K. 2. S. 58. Die Zitate dieses Ab- schnittes finden sich: die Züge des natürlichen Ge- setzes usw. im Brief a. d. Römer Kap. I, v. 19. Das 'pai'cit cognatis maculis bei Juvenal Sat. 15, v. 159. Die schöne Sentenz des römischen Juristen Florentinus in den Digest. I, 1, 3. Die von Tacitus nach Plato er- wähnten laniatus et ictus (Annalen 6, 6) beziehen sich auf des griechischen Philosophen Dialog Gorgias, S. 524 E (Steph.).
69) I. Buch. K. 2. S. 59. Zu einem ähnlichen Re- sultat gelangt, ganz unabhängig von Leibniz, der scharf- sinnigste der englischen Philosophen, Dav. Hume, in seiner Untersuchung über die Moralprinzipien (Absch. I). „Vernunft und Gefühl, sagt derselbe, haben fast an allen moralischen Entschließungen gemeinschaftlich Teil. Es ist wahrscheinlich, daß das Endurteil, das Charaktere und Handlungen für Hebens- oder hassens- wert, für preiswürdig oder tadelnswert erklärt, welches ihnen das Gepräge der Ehre oder der Schande, des Beifalls oder des Tadels aufdrückt, welches die Sitt- lichkeit zu einem tätigen Grundsatze macht und in die Tugend unsere Glückseligkeit und in das Laster unser Elend setzt, es ist wahrscheinlich, sage ich, daß dies
I. Buch. Kap. 2. 19
Endurteil von einem inneren Sinne oder Gefühle abhänge, welches die Natur unserm ganzen Geschlechte allgemein gemacht hat. — Aber um diesem Gefühl den Weg zu bahnen, und den Menschen eine gehörige Einsicht des Gegenstandes zu geben, finden wir, daß oft viele Vernunftschlüsse vor- angehen müssen und daß es nötig ist, genaue Unter- scheidungen zu machen, richtige Folgerungen zu ziehen, entfernte Vergleichungen anzustellen, ver- wickelte Verhältnisse zu untersuchen und allgemeine Begebenheiten festzustellen und zu bestimmen.** Diese Überzeugung, daß die Quelle des sittlichen Urteils, der sittlichen Wertschätzung und darum des sittlichen Handelns eine von der Anerkennung des bloß theore- tisch Wahren und Falschen, wie z. B. mathematische oder physikalische Sätze sind, verschiedene sei, tritt auch bei Kant und Herbart hervor.
70) I. Buch. K. 2. S. 60. Gefühl ist hier nicht im Sinne der sinnlich-psychischen Empfindung, sondern in der freilich oft gebrauchten Bedeutung eines verwor- renen Komplexes von Vorstellungen genommen, der das Gemüt beschäftigt und darum häufig auch zum Handeln treibt. Gefühle dieser Art können durch Selbstbesinnung in mehr oder weniger klare und deut- liche Vorstellungen aufgelöst werden, was zur Prüfung und richtigen Schätzung ihres Inhalts notwendig ist. Leibniz nun scheint alle Gefühle ohne Ausnahme für dergleichen unentwickelte Vorstellungen (und Urteile) zu halten.
71) I. Buch. K. 2. S. 63. In der Schrift de veritate (zuerst Paris, 1624 j, dann in der de reli(/ionr laici p. 76 hat Lord Herbert v. Cherbury diese fünf Grundsätze aufgestellt, welche auch von den späteren Deisten als der Inhalt des Glaubensbekenntnisses der natürlichen Religion festgehalten wurden. Herbert nennt sie noii- tiae communes (d. h. allgemein zugestandene Erkennt- nisse).
72) I. Buch. K. 2. S. 64. Die Definition des Aristoteles besagt, daß die Tugend eine Fertigkeit
20 Erläuterung 73 — 77.
sei (Eth. Nie. II, 6) und wiederum, daß sie die ver- nunftgemäße Tätigkeit sei (Eth. I, 6). Die Bekämpfung der Leidenschaften ist nach Aristoteles nicht die Auf- gabe der Tugend schlechthin, sondern allein der ethischen (oder praktischen) Tugend.
73) I. Buch. K. 2. S. 65. Diese Verse Boileau- Despreaux' aus dessen 8. - Satire (v. 62 ff.), lauten in den verschiedenen Ausgaben sehr verschieden.
74) I. Buch. K. 2. S. 67. Hier zeigt sich wieder das oben in der Anm. 46, S. 17 Bemerkte, daß Leibniz aus allen Philosophen Nutzen zu ziehen und sie „nach ihrer besten Seite" zu verwerten liebt.
75) I. Buch. K. 2. S. 67. Diese Anekdote gibt die Chronik des Idatius (Kap. 62); der betreffende König der Vandalen heißt Chrocus, welcher mit den Sueven und Alanen bei Mainz den Rhein überschritten und dem schlimmen Rate seiner Mutter folgend, in Deutsch- land wie in Gallien auf das fürchterlichste gehaust haben soll. (Vgl. Bouquet, Rerum Gall. et Franc, scriptores. Tom. II, p. 464.)
76) I. Buch. K. 2. S. 69. Wenn auch im Selbst- bewußtsein das Bewußtsein des Seins, des eigenen Seins nämlich, mitgesetzt ist, so ist dadurch einerseits der Begriff des Seins (oder der Substanz schlechthin) noch nicht unmittelbar gegeben, anderseits immer erst eine innere Erfahrung, keine „ewige Wahrheit" ge- wonnen. Übrigens liegt die Beziehung dieser Äuße- rungen zur Kantschen Kategorienlehre sehr nahe.
77) I. Buch. K. 2. S. 70. Was den Atheismus der Wilden anbetrifft, so wird man wohl tun, nach Leib- nizens Beispiele anders zu urteilen. Die meisten wilden Völker sind Trümmer von Menschenstämmen, von denen manche einst höher entwickelt waren, also im Ver- kommen begriffene Reste. Demgemäß pflegt ihre reli- giöse Anschauung in oberflächlichen und oft gräu- lichen Aberglauben ausgeartet zu sein, welcher aber immer noch die Anerkennung einer einst vielleicht
I. Buch. Kap. 2. ü. Buch. Kap. 1. 21
klarer umfaßten höheren Welt, wenn auch in fratzen- hafter Verzerrung, darstellt. Noch ein anderer Um- stand ist wohl zu erwägen. Der Bekehrungseifer der christlichen Alissionare hat die Wilden längst gelehrt, ihre Götzen zu verleugnen und deren Bilder zu ver- stecken, um sich nicht Verfolgung von selten der Europäer zuzuziehen. Sie verleugnen ihre Religion, um derselben um so sicherer nachgehen zu können. In dieser Beziehung ist selbst ein Mann wie Azara getäuscht worden — halbgebildeter Reisender und Missionare, die von wissenschaftlicher Ethnologie und Anthropologie keinen Begriff haben, gar nicht zu gedenken.
78) I. Buch. K. 2. S. 70. Hiermit ist Johann Ludwig Fabricius gemeint; das angeführte Buch er- schien im Jahre 1662.
79) I. Buch. K. 2. S. 74. Diese Geschichte, von der Leibniz sicherlich die richtige Erklärung gibt — denn es steht aus vielen Beispielen fest, daß das Gedächtnis unter gewissen Umständen im Schlaf erwacht, während es im Wachenden schläft — , ist in den Scaligerana s. v. Bened. Brugnolus weitläufig erzählt mit Antührung der Elegie des Scaliger Vaters (Aus.cjabe v. Köln, 1695, S. 69 — 71), aus der hervorgeht, daß der Dichter der- selben keinen Zweifel hegte, von dem Geiste des Brugnolus besucht worden zu sein.
80) II. Buch. K. 1. S. 76. Die äußeren Gegen- stände bedürfen, um erkannt zu werden, eines Mediums, nämlich der Sinnesorgane, während die ewigen Wahr- heiten dem Geiste immanent und unmittelbar gegeben sind. (Vgl. Anm. 63.'» Im vierten Buche (Kap. 9 und 11^ wird dies von Leibniz weiter ausgeführt. Dem hier aufgestellten Gegensatze mittelbarer und unmittel- barer Erkenntnis entspricht bei Kant der des aposterio- rischen und apriorischen Erkennens.
81) II. Buch. K. 1. S. 76. Es ist bereits von der Ansicht Leibnizens, daß jede Monade, insbesondere die menpchliche Seele, ein Spiegel des Universums sei, als
22 Erläuterung 82—85.
einem Grundgedanken seines Systems die Rede ge- wesen. Sofern nun die Vorstellungen deutliche sind, d. h. wohl voneinander zu unterscheidende und daher methodisch zu entwickelnde, gibt nach ihm die Seele das Bild des im göttlichen Geiste lebenden geistigen Urbildes der Welt wieder, jenes idealen Universums, welches als die „beste Welt" von Gott gedacht und aus seiner Güte verwirklicht worden ist; sofern wir aber verworrene Vorstellungen hegen, gleicht die Seele der räumlich und zeitlich auseinanderfallenden Erscheinungswelt.
82) II. Buch. K. 1. S. 77. Alle äui3ere Erschei- nung und Relation der Dinge zueinander beruht auf der inneren, individuellen Tätigkeit jedes einzelnen derselben. Diese letztere faßt Leibniz als Vorstellen oder nach Analogie des Vorstellens. Wir können demnach sagen: nach Leibniz beruht die äußere Ver- änderung — das scheinbare Geschehen — auf der- jenigen inneren Veränderung im Zustande der Sub- stanzen, welche wir Vorstellen nennen und die das wirkliche Geschehen ist.
83) II. Buch. K. 1. S. 77. Abschwächung des aristotelischen Begriffs der Potenz {dvvafxig), welcher bei seinem Urheber die reale Möglichkeit oder das eigentliche Können bedeutet.
84) II. Buch. K. 1. S. 79. Die von Leibniz hier angedeutete und schon oben S. 14 erwähnte, für die Psychologie hochwichtige Lehre von den unbewußten Vorstellungen wird von ihm auch sonst oft hervor- gehoben, besonders in seinen späteren Schriften, so in der Monadologie (Princ. philos. ad princ. Eugen. Erdm. Nr. LXXXVIII, S. 705, § 14, § 20—23) und in Briefen, wie bei Kortholt Epist. Leibn. T. IV, p. 406.
85) II. Buch. K. 1. S. 80. Locke führt diesen Schriftsteller nicht an; mit Recht protestiert aber Philaleth gegen des letzteren Insinuation, daß von den Parteigängern Lockes angenommen werde, die Seele höre während des Schlafes auf zu existieren, da sie
II. Buch. Kap. l. 23
dann zu denken aufhöre. Locke verwahrt sich in der betreffenden Stelle (B. II, K. 1, § 10) ausdrücklich gegen diese Folgerung.
86) II. Buch. K. 1. S. 82. Von den Dioskuren Castor und Pollux war der erstere, als von sterblichem Vater erzeugt, sterblich und im Zweikampfe erschlagen worden. Da nun sein Bruder Pollux, den Zeus in den Himmel versetzen wollte, sich von jenem nicht trennen und lieber die Unsterblichkeit entbehren mochte, be- stimmte Zeus, daß sie beide abwechselnd einen Tag in der Oberwelt, einen Tag in der Unterwelt vereint zu- bringen sollten. In letzterem Zustande sind sie nach antiker Ansicht bloße Schatten ohne Körper.
87) II. Buch. K. 1. S. 84. Buridan, ein Okkamist, gestorben um 1350 als Rektor der Universität zu Paris, soll in seinen Untersuchungen über die Frage des Indeterminismus oder Determinismus des Willens das Beispiel eines Esels angewendet haben, der zwischen zwei ganz gleichen Bündeln Heu (oder zwei ganz gleichen Wiesen), in gleicher Entfernung befindlich unbeweglich stehen bleiben und eher verhungern, als sich entscheiden würde; doch ist in seinen Schriften bisher vergeblich nach dem unentschlossenen Esel gesucht worden. Man wird daher, bis der letztere auf- gefunden werden sollte, annehmen müssen, daß das Geschichtchen, von dem in der philosophischen Lite- ratur viel die Rede ist, auf mündlicher Tradition be- ruht und etwa aus den Vorlesungen Buridans herrührt.
88) II. Buch. K. 1. S. 86. Der Obersatz eures Schlusses — das will Leibniz sagen — ist: Wessen wir uns nicht bewußt sind, das ist in der Seele nicht vorhanden; Untersatz: Nun sind wir uns oft keiner Vorstellungen bewußt; Schlußsatz: Also sind wir oft ohne Vorstellungen (oder: Also denken wir oft nicht). Der Zirkel, von dem Leibniz spricht, besteht darin, daß, wer so schließt, den Schlußsatz schon im Obersatz mit- setzte, indem er annahm, daß kein Bewußtsein des Vorstellens haben, dem Nichtvorstellen oder Nicht- denken gleich sei. Letzteres ist aber ein Irrtum: man
24 Erläuterung 89—94.
kann vorstellen und stellt tatsächlich vor, ohne sich seines Vorstellens bewußt zu sein. Also ist der Ober- satz jenes Schlusses falsch, und darum auch der Schlußsatz, während der Untersatz richtig ist. Nach Leibniz ist die Substanz immer tätig, also auch die Seele, da diese für ihn eine Substanz ist; ist nun die eigentliche Tätigkeit der Seele das Vorstellen, so ist die Seele immer vorstellend'. (Vgl. S. 83, Anm. 84.)
89) II. Buch. K. 1. S 88. Dies ist aus dem Leib- nizischen Satze von der absoluten Spontaneität der Substanzen zu verstehen, dergemäß alle Tätigkeit, also auch die der Seele, aus dem Innern des eigenen Wesens (du propre fond) erfolgt.
90) II. Buch. K. 1. S. 88. Ex professo ist ein schon in der klassischen Literatur (z. B. bei Seneca und Quintilian) vorkommender technischer Ausdruck, der da bedeutet: ausdrücklicher, eigentlicherweise, ausgesprochener oder vorgemeldeter Massen. Bis jetzt, so will Leibniz sagen, haben wir nur ein jeder seinen erkenntnis-theoretischen Standpunkt dargetan und ver- teidigt; jetzt kommen wir zur Betrachtung der ein- zelnen Klassen der Vorstellungen, wobei wir uns mehr als bisher miteinander verständigen werden.
91) II. Buch. K. 3. S. 90. Von der Existenz dieses sogenannten blinden Fleckes im Sehfelde, welcher der Stelle des in die Nervenhaut hinten einmündenden Seh- nerves entspricht, kann man sich leicht durch ein be- kanntes Experiment überzeugen.
92) II. Buch. K. 3. S. 90. Nach der Lehre von der spezifischen Tätigkeit der Sinnesnerven ist die im Text kundgegebene Meinung als irrig zu betrachten.
93) II. Buch. K. 4. S. 93. Vgl. oben S. 49.
94) II. Buch. K. 4. S. 94. Der Furcht vor dem leeren Raum (horror vacui) schrieb man das Streben aller Körper, besonders der Luft und des Wassers zu, leere Räume auszufüllen. Die Lehre von der all- gemeinen Anziehung der Körper hat jener Wahnvor- stellung ein Ende gemacht.
II. Buch. Kap. 4. 25
95) II. Buch. K. 4. S. 95. Man nahm nämlich an, daß der Raum im Barometer, welcher die über dem Quecksilber abgeschlossene Leere bildet und die Tori- cellische Leere heißt, voLständig luftleer sei. — Was den leeren Raum überhaupt anbetrifft, so behauptete schon Descartes dessen Unmöglichkeit (Prin. Philos. IL § 16. VgL Anm. 98;. Leibniz aber äußert sich darüber in den Beflexions sur l'essai de Ventendcment humain vom Jahre 1696 folgendermaßen: „Was den leeren Raum anbetrifft, so haben verschiedene gescheite Leute daran geglaubt. Locke gehört zu ihnen; ich selbst bin davon fest überzeugt gewesen, aber seit lange schon davon zurückgekomm.en. Auch der unvergleichliche Huygens, welcher für den leeren Raum war, fing, wie seine Briefe es bezeugen können, auf meine Gründe hin, darüber an nachdenklich zu werden." Es folgt dann dieselbe Betrachtung, v/elche unser Text auch gibt, daß nämlich nur unter Voraussetzung ursprüng- lich harter Körper der leere Raum möglich sei, nicht aber, wenn flüssige (elastische) Körper als ursprüng- lich angenommen werden.
96) IL Buch. K. 4. S. 96. Darunter ist die Luft- pumpe zu verstehen, welche Otto von Guericke um 1650 erfand. Mittels derselben kann die Luft unter der Glocke zwar stark verdünnt, aber niemals ganz entfernt werden.
97) II. Buch. K. 4. S. 96. Der Raum, wie Leibniz stets erklärt, ist nichts Wirkliches, sondern die ge- dachte Ordnung des Ausgedehnten. In der Korrespon- denz mit Des Bosses (Epist. XX. Erdm. p. 682) heißt es: „Der Raum ist die Ordnung der miteinander existierenden Erscheinungen, wie die Zeit die der nacheinander existierenden usw." Die Erörterung beider Begriffe erfolgt aber besonders in der Korre- spondenz mit S. Clarke (Erdm. Nr. C, p. 745 ff.), welche überhaupt eines der interessantesten Aktenstücke der neueren Philcsophie gon'innt zu werden verdient. An diese idealistische Auffassung von Raum und Zeit, welche Leibniz besonders im Briefwechsel mit S. Clarke vertritt, hat Kant angeknüpft.
26 Erläuterung 98—102.
98) II. Buch. K. 4. S. 96. Gemäß der von Bes- cartes in seinen Principla philosophiae (IL § 8 — 15) entwickelten Ansicht, aus der denn auch folgt, daß es keinen leeren Raum gibt.
99) II. Buch. K. 4. S. 97. In diesem Kapitel von der Dichtigkeit tritt der Gegensatz der Lockeschen und Leibnizischen Anschauung mi't großer Schärfe hervor. Locke, vom Sensualismus ausgehend, behauptet, daß die Dichtigkeit (solidity) die wesentlichste Körper- eigenschaft sei, was konsequent durchgeführt auf die Annahme harter, undurchdringlicher Atome führen muß. Dagegen macht Leibniz mit Recht geltend, daß sich alle die Eigenschaften des Körpers, welche Locke von der Dichtigkeit ableitet, ohne die Annahme raum- erfüllender undurchdringlicher Substanzen gewinnen lassen und daß „Dichtigkeit durch die bloße Ver- nunft begreiflich sei, obgleich die Sinne der Vernunft die Beweismittel dazu liefern.'* Außer diesem Kapitel der N. Abh. findet sich über die Atome eine polemische Untersuchung und Hauptstelle im Nouveau Systeme de la nature § 11 ff. (Erdm. p. 126 ff.).
100) II. Buch. K. 5. S. 98. Diese Ansicht, im vierten Buche wiederholt und teilweise durchgeführt, ist durch Wolfs Vermittlung der Keim der Kantschen Kategorienlehre geworden.
101) II. Buch. K. 7. S. 98. Die Triftigkeit dieses Protestes liegt auf der Hand, obgleich sich der Sen- sualismus bis heute nicht von der Lockeschen Ansicht hat zurückbringen lassen. Der Begriff des Daseins stammt aus der Quelle des Selbstbewußtseins, nicht aus der Sinnlichkeit. Die sinnliche Wahrnehmung ist als solche erst möglich, nachdem man den Begriff des Daseins aus dem Selbstbewußtsein gewonnen und nunmehr nach Analogie des eigenen Wesens den sinn- lichen Erscheinungen zu deren Erklärung unter- gelegt hat.
102) II. Buch. K. 8. S. 99. Leibniz unterscheidet immer die erste von der zweiten Materie. Die erste
II. Buch. Kap. 8. 11. 12. 27
Materie kommt jedem einzelnen Wesen als solchem zu und ist das passive Element desselben, wodurch es sich von Gott unterscheidet und worin die Möglichkeit begründet ist, sich anderes vorzustellen. Die zweite Materie dagegen ist die bloße Masse oder der durch das Zusammensein der Monaden erzeugte Schein der Ausdehnung. Die zweite Materie erkennt man daher mittels verworrener Vorstellung. (Vgl. Briefe an Des Bosses II. [Erdm. p. 436], VII. [Eb. p. 440], XI. [Eb. p. 456], De anima brutorum I. [Eb. p. 463), Epistola ad Bierlingium § 3. [Eb. p. 678].) Weder die eine noch die andere Materie ist substantiell {Lettre ä Mr. Bemond de Montmort. § 3. Erdm. p. 736).
103) II. Buch. K. 8. S. 100. Vgl. oben S. 95 ff.
104) II. Buch. K. 8. S. 106. Der berühmte Mathe- matiker W. Molyneux war ein großer Verehrer Leckes und soll sogar infolge einer Reise, welche er in kränk- lichem Zustande unternahm, um den Philosophen kennen zu lernen, gestorben sein (im Jahre 1698). Der von Leibniz zitierte Passus ist dem Werke Lockes entnom- men, welcher ihn aus einem Briefe Molyneux' zitiert.
105) II. Buch. K. 11. S. 105. Dieser berühmte Vers Lucans: „die siegende Sache war den Göttern genehm, die unterliegende dem Cato," ist der 128. des ersten Buchs der Pharsalia.
106) II. Buch. K. 12. S. 117. In Gemäßheit der prästabilierten Harmonie nämlich, der zufolge unsere monadische, d. h. räumlich nicht ausgedehnte Seele durch ihre Vorstellungen das im Räume Geschehende sich in entsprechender Weise vorstellt.
107) II. Buch. K. 12. S. 118. Den Begriff des Modus (eines nicht wohl zu übersetzenden Wortes) er- läutert Descartes (in den Frincipia phllos. 1. § 56) folgendermaßen: ,, Unter Modi verstehen wir ganz das- selbe, was anderswo unter Attributen oder Qualitäten. Wenn wir aber die Substanz als von ihnen affiziert oder verändert betrachten, nennen wir sie Modi; wenn
28 Erläuterung 108—110.
wir erwägen, daß sie nach einer derartigen Verände- rung so oder so bezeichnet werden können, nennen wir sie Qualitäten, und endlich, wenn wir nur noch allgemeiner sie als der Substanz innewohnend be- trachten, nennen wir sie Attribute." An diesen Sprach- gebrauch schließen sich Locke und Leibniz wie auch Spinoza an; daher Locke den Modus definiert als die Vorstellung dessen, was nicht als für sich subsistierend, sondern als abhängig von Substanzen oder sie affi- zierend betrachtet wird. Leibnizens Bemerkung, daß der Verstand den Substanzen und Modi die Relationen hinzufüge, wird später (Kap. 30, § 4, S. 268. Vgl. Anm. 204) näher erläutert.
108) II. Buch. K. 13. S. 120. Diese Schrift scheint nicht gedruckt worden zu sein, während das Huygens- sche „Horologiiim oscillatoriwm sive de motu pendu- lorum ad horclogia aptato demonstrationes geometricae'' (Parisiis, 1673) wohl bekannt ist und zu manchen für die Wissenschaft fruchtbaren Kontroversen z. B. mit Bernouilli, Veranlassung gegeben hat.
109) n. Buch. K. 13. S. 122. Die von Leibniz hier ausgesprochenen Sätze haben hinterher durch Gauß' theoria mohis ihre Bestätigung und Durch- führung gefunden.
110) IL Buch. K. 13. S. 123. Diese Lehre, daß Gott der Ort der Dinge sei, kommt schon früh vor. Poetisch ausgedrückt wird sie in der Sammlung von Gedichten unbestimmten Ursprungs, Orphica genannt (Fragm. VI, p. 457, ed. Hermann, v. 8 u. 9), so: Alles, was gewesen ist und später noch werden wird, ist zu- sammen in des Zeus Schoß gebildet. Und wiederum (v. 17 — 20): Eines ist das herrschende Wesen, in dem das All sich bewegt, Feuer, Wasser, Erde und Luft, Tag und Nacht, Vernunft, der erste Ursprung und die freudenvolle Liebe — alles das liegt in des Zeus großem Schöße usw. — Von neueren Philosophen vertritt be- sonders der von Leibniz oft zitierte Malebranche die- selbe Ansicht, indem er sich dabei auf den Spruch des Apostels Paulus beruft, daß wir in Gott leben, weben
II. Buch. Kap. 13. 29
und sind (Apostelgesch. c. 17, v. 28), welcher damit selbst wohl einer Erinnerung aus der griechischen Literatur folgte. Malebranche sagt (de la recher che de la verite II, c. 6): Bleiben wir also bei der Ansicht, daß Gott die intelligible Welt oder der Ort der Geister ist, ebenso wie die materielle Welt der Ort der Körper ist. Von seiner Macht empfangen sie alle ihre Modi- fikationen, in seiner Weisheit finden sie alle ihre Vor- stellungen, durch seine Liebe werden sie in allen ihren sittlichen Neigungen bewegt. Weil aber seine Macht und seine Liebe nichts anderes als er selbst sind, so wollen wir mit dem heil. Paulus glauben, daß er nicht fern ist einem jeglichen unter uns, und daß wir in ihm das Leben, die Bewegung und das Sein haben.
111) II. Buch. K. 13. S. 121. Hier zeigt sich wieder ein gewaltiger Gegensatz in der Auffassung Lockes und Leibnizens. Ersterer erklärt den Begriff der Substanz für ein bloßes Gebilde des Denkens, für ein subjektives Auskunftsmittel des Verstandes, um damit einen einheitlichen Träger der Akzidenzien zu erhalten; für Leibniz dagegen ist der Substanzbe^o^riff der sachgemäße Ausdruck der Vorstellung des Wirk- lichen, auf den wir die Akzidenzien zurückbeziehen. Daher nennt er die Substanz konkret. Seiner Ansicht nach setzt also jede Erscheinung als solche ein wirk- liches Seiendes voraus, da sie durch ein solches erst möglich ist; die Substanz ist also bei allen Erschei- nungen das stets Vorauszusetzende, Nicht - nichtzu- denkende, keineswegs aber ein bloßer Hilfsbegriff von nur subjektiver Geltung.
112) II. Buch. K. 13. S. 124. Den Beweis (§ 21), daß das Universum streng genommen nicht ein Ganzes sei, führt Leibniz in dem zweiten Briefe an Des Bosses (Erdm. p. 435 — 436), wo er auch von dem Begriffe des Unendlichen ausgeht. — Die Verweisung aber bezieht sich vielleicht auf die Reflexions sur Vessai de Ventendement humnin (Erum. p. 138) zurück, in denen bereits die Sache besprochen worden war. Man kann übrigens auch den ersten Paragraphen des Kap. XVII dieses Buches der N. Abh. vergleichen.
30 Erläuterung 113—117.
113) II. Buch. K. 13. S. 125. Die Beweisführung gegen den leeren Raum, wovon schon oben, S. 100 (vgl. Anm. 95) die Rede war, hat Leibniz noch aus- führlicher im Briefwechsel mit Clarke (bes. im vierten Schreiben, Erdm. p. 786) unternommen.
114) II. Buch. K. 14. S. 126. Deutsch: Er wagt die Sonne Lügen zu strafen. Genau genommen hat freilich nicht die Sonne mit der Verschiedenheit der Tages- längen zu schaffen, sondern die Erde in ihrem Umlauf um die Sonne.
115) II. Buch. K. 14. S. 126. Das Primum mobile (tö jtQcörov y.ivovv) der aristotelischen Philosophie ist die Gottheit, welche, selbst unbewegt, das Universum in ewiger Bewegung erhält. (Aristoteles Metaphysik B. XII, c. 6—10.)
116) II. Buch. K. 14. S. 128. Das Absolute wäre demnach der eigentliche Inhalt unserer Vernunft, und es muß, damit wir zu besonderen Begriffen gelangen können, eine Einschränkung jenes Grundinhalts der- selben hinzukommen. Insofern ist, wie Spinoza sagt, jede Determination eine Negation, nämlich des ur- sprünglich gesetzten Absoluten. Wir werden des letz- teren aber erst inne, indem wir uns der besonderen Vernunftideen als Einschränkungen unserer Idee des Absoluten bewußt werden. Auch die ewigen Wahr- heiten und allgemeinen Formen der Dinge sind nach Leibniz als teilweise Negationen (Derivativa) des Ab- soluten zu betrachten.
117) II. Buch. K. 15. S. 129. Gott ist nach Leibniz, ohne ausgedehnt zu sein, in seiner Wirksamkeit über- all. Insofern kann er, nämlich ohne ausgedehnt zu sein — er ist im Unterschied von allen andern Wesen, die eines Körpers bedürfen, reiner, d. h. körperloser Geist — dennoch unermeßlich und allgegenwärtig ge- nannt werden. —
Der kurz vorher zitierte Salomonische Vers ist aus 2. B. Chronik. Kap. 6. V. 18.
II. Buch. Kap. 17. l^O. 31
118) II. Buch. K. 17. S. 132. Synkategorematisch heißt, was mit andern Begriffen zusammen von einer Sache ausgesagt werden kann. Das synkategorema- tische Unendliche ist also dasjenige Unendliche, welches noch einer anderweitigen Bezeichnung und Bestimmung (etwa als Zahl und Größe) fähig oder bedürftig, nur insofern unendlich ist, als es nicht eigentlich definiert werden kann [infinitum — indefinit um). Den Gegensatz dazu bildet das wahre oder positiv- Unendliche, welches das Absolute ist und keiner weiteren Denomination oder Kategorisierung unter- liegt.
119) IL Buch. K. 20. S. 139. In der zitierten Vorrede zum Codex juris gentium diplomaticus (vom Jahre 1693, auch bei Erdmann unter Nr. 32 abgedruckt) heißt es: Lieben ist, sich an dem Glück eines andern erfreuen, oder, was auf dasselbe hinauskommt, fremdes Glück zu seinem eigenen machen. Damit ist die in der Theologie wichtige Schwierigkeit gelöst, wie es eine uneigennützige, von Furcht und Hoffnung und von jeglicher Nützlichkeitsrücksicht freie Liebe geben könne; denn welcher Glück uns erfreut, deren Glück kommt uns selbst zu, weil, was erfreut, um seiner selbst willen begehrt wird.
120) II. Buch. K. 20. S. 140. Im französischen Texte steht veUeite, entlehnt aus dem scholastischen Ausdruck Velleitas. YeUeitas, im Mittelalter in ver- schiedenem Sinne gebraucht, steht hier in der Be- deutung der .imperfecta volitio", d. h. desjenigen Seelenzustandes, in dem der Wille noch nicht genug Kraft hat, zum Akt (volitio) überzugehen, aber auch nicht völlige Gleichgültigkeit in der Seele herrscht. Das damit gemeinte Minimum der Seelenbewegung zum Wollen sollte durch die gewählte Übersetzung aus- gedrückt werden; das von Leibniz Gemeinte wird im Texte selbst treffend charakterisiert. Vgl. unten S. 157 ff. und Anm. 128.
121) II. Buch. K. 20. S. 143. Zu Anfang des Dialogs (p. 60. A. ed. Steph.).
32 Erläuterung 122—127.
122) IL Buch. K. 20. S. 145. Beide Philosophen, Locke wie Leibniz, sind noch nicht zur klaren Unter- scheidung des Affekts von der Leidenschaft gelangt, wie dies aus beider Worten hervorgeht. Erst Kant hat diesen Unterschied besser aufgefaßt und näher zu bestimmen versucht.
123) II. Buch. K. 21. S. 147. Die Bewegung ist nach Aristoteles das Wirklichwerden des bloß der Mög- lichkeit nach Seienden {Fhys. Akroas. Bd. IIL K. 1.). Wenn er überhaupt drei Arten der Veränderung an- nimmt, so ist davon die erste der Übergang aus einem Seienden in ein anderes Seiendes, die Bewegung, während die beiden anderen das Entstehen und Ver- gehen umfassen. Wiederum gibt es nach ihm drei Arten der Bewegung: 1. quantitative: Zunahme und Abnahme; 2. qualitative: Veränderung; 3. räumliche: Ortsveränderung. Einen Versuch, das Wesen der Be- wegung zu erklären, mit der sich in polemischem Geiste die späteren Eleaten beschäftigt hatten, hat Aristoteles nicht gemacht.
124) II. Buch. K. 21. S. 148. Locke gegenüber hat Leibniz den Unterschied der bloßen Macht von der Kraft näher festgestellt. Den Anfang dazu machte er bereits in einem kleinen Aufsatz: de primae philos. emendatione usw., der 1694 in den Actis erud. Lips. p. 110 erschien. (Vgl. Erdm. Nr. 34. p. 121—122.)
125) II. Buch. K. 21. S. 148. Man ist nicht im- stande, das sinnlich Empfundene d. h. die einfachen sinnlichen Qualitäten, weiter aufzulösen, und muß es daher als einfache Vorstellung behandeln, obwohl es an sich zusammengesetzt sein mag, wie man in manchen Fällen auf indirektem Wege erkennen kann.
126) n. Buch. K. 21. S. 148. Auf diesen Punkt, der bereits im ersten Buche (Kap. 1) berührt worden war, kommt Leibniz im vierten Buch wieder zurück.
127) II. Buch. K. 21. S. 149. Malebranches Schrift, von der Leibniz hier spricht, ist l)etitelt: Traite de la
n. Buch. Kap. 21. 33
communication du mouvement, welche allerdings die in der Recherche de la verite aufgestellte Behauptung von der Erhaltung der immer gleichen Quantität der Be- wegung in der Natur widerruft und damit einige phy- sische Betrachtungen über das Weltgebäude im allge- meinen verbindet. Diese Abhandlung ist dem driiten Bande der deutschen Übersetzung von Malebranches Schriften durch Ulrich (Halle, 1777—80) hinzugefügt.
128) II. Buch. K. 21. S. 153. In der Schrift de libero arhitrio, besonders deren zweitem Kapitel {Opera Sim. Episcopii theologica. T. I. Londini 1678 (ed. II.) p. 198. Abt. II.).
129) II. Buch. K. 21. S. 154. Abgesehen von der tatsächlichen und der rechtlichen Freiheit, über welche kein Streit besteht, unterscheidet Leibniz zwischen der sittlichen Freiheit und der Willkür. Jene, die sittliche Freiheit, ist das Vermögen, der sittlichen Einsicht trotz entgegenstehender innerer Hindernisse, wie die Affekte und die Leidenschaften solche sind, zu folgen. Auch dieser Begriff ist klar und einfach. Die eigent- liche Schwierigkeit steckt im Begriffe der Willkür, des liberum arbitrium, mit welcher, wie Leibniz sich ausdrückt, gemeint sein soll, „daß auch die stärksten Gründe oder Eindrücke, welche der Verstand dem Willen vorhält, den Willensakt nicht verhindern, zu- fällig zu sein und ihm keine absolute (metaphysische) Notwendigkeit verleihen." Leibniz ist der Ansicht, daß die Motive des Verstandes den Willen nur geneigt machen (inrlinanf), ohne ihn mit Notwendigkeit zu bestimmen. Nichtsdestoweniger nimmt er eine Selbst- determination des Willens an, der gegenüber jene Redensart des iyiclinare als eine bloße Ausflucht er- scheint. In der Theodicee, wo diese Frage weitläufig verhandelt wird, erklärt Leibniz: „Im Menschen ist alles zum voraus gewiß und bestimmt wie sonst überall, und die menschliche Seele ist eine Art von geistigem Automaten usw." (Th. I. § 52). Es ist also damit ähnlich wie mit der Unterscheidung zwischen Verstand und Willen Gottes, welche Leibniz annimmt, um die „Zufälligkeit" der Welt aufrecht zu erhalte?..
Leibniz, Kriäuteruiigen. 3
34 Erläuterung 130—131.
Weder diese noch jene Erklärung — beide erinnern an die famosen Distinktionen der mittelalterlichen Scholastik — bringen uns der Lösung des betreffenden Problemes irgendwie näher.
130) n. Buch. K. 21. S. 154. Vermutlich meint Leibniz den Satz der nikomachischen Ethik: „Wir überlegen das, was uns zu tun freisteht" (Buch III. Kap. IV) oder den des vorhergehenden Kapitels am Schluß: „Der Vorsatz (des Handelns) ist mit Ver- standestätigkeit und Überlegung" (verbunden). Ähn- liche Sätze finden sich auch in den sogenannten Magna moralia, die wenigstens für Leibniz ein echtes Werk des Aristoteles waren. So Buch L K. '2 u. 3. „Das Freiwillige", heißt es dort, „ist das aus Überlegung Geschehende usw.'*; und: „Das mit Vorsatz (also Über- legung) Geschehende ist freiwillig usw."
131) II. Buch. K. 21. S. 158. Dem allgemeinen Fatalismus zu entgehen, welcher das von Spinoza voll- zogene Resultat des Descartesschen rationalistischen Dogmatismus war, erfand Leibniz die in der vorvorigen Anmerkung erwähnte Unterscheidung von Verstand und Willen Gottes, auf die er sehr oft zurückkommt und die er als einen Grundpfeiler seiner Philosophie betrachtet. Der Verstand Gottes soll das Prinzip der notwendigen Wahrheiten, der Wille Gottes die Quelle der zufälligen Wahrheiten sein, indem Gott von allen möglichen Welten die beste zu schaffen durch seine freie Güte bewogen wird. So soll die Weltschöpfung, da sie auf einer Wahl, der des Besten nämlich, beruht, der Notwendigkeit entzogen, und auf diese Weise der Spinozaische Fatalismus vermieden werden.
Die physische Notwendigkeit, erklärt Leibniz, ist auf der moralischen begründet; die letztere beruht auf dem Willen, also der Freiheit. Damit soll der Natur- notwendigkeit ihre absolute Geltung abgesprochen sein. Dementsprechend soll, wie oben gezeigt wurde, das menschliche Handeln nicht auf äußerer Determination, sondern auf innerer d. h. auf Selbstdetermination be- ruhen. — Schon Kant überzeugte sich von der Ohn- macht dieses Versuches, durch die Unterscheidung
II. Buch. Kap. 21. 35
von Verstand und Willen Gottes dem Spinozismus zu entgehen, und gab es auf, die Idee eines absoluten Wesens mit der menschlichen Freiheit begrifflich ver- einigen zu wollen. Letztere setzte Kant als „die Eigen- schaft des V»^illens aller vernünitigen Wesen'* voraus, hielt sie aber für unerklärlich, während er anderseits das höchste absolute Wesen zu einem Gegenstand des Vernunftglaubens machte.
132) II. Buch. K. 21. S. 159. Ähnlich Kant in der Kritik der prakt. Vernunft, Th. I. Bd. I. Hpst. 1. § 6. Anm.
133) II. Buch. K. 21. S. 160. Es ist ein Haupt- gesichtspunkt Leibnizens, gegen den Indeterminismus und die Theorie des Äquilibriums der Willensmotive zu kämpfen.
134) II. Buch. K. 21. S. 163. Die Beeinträchtigung der Freiheit, von der Leibniz hier spricht, beruht auf der Macht der Gewohnheit über Willensmotive, welche ihr entgegengesetzt sind. Sind wir allerdings — wenigstens der Thesis nach — von vornherein bei unserm Handeln frei, so ergeben sich doch aus dem oft wiederholten Sichvorsetzen und oft wiederholten Handeln sittliche Dispositionen oder Charakterzüge, die, ohne gerade den Willen zu zwingen, ihn doch vorherrschend bestimmen. An diesen Umstand knüpft sich die Bildung von Tugenden und Laster; ohne Ge- wohnheit würde es nicht Fertigkeiten, nicht Tugenden und nicht Laster geben.
135) II. Buch. K. 21. S. 164. Vgl. oben Anm. 120 zu Kap. 20, S. 147.
136) n. Buch. K. 21. S. 167. Die Verse sind aus Ovids Metamorphosen, Buch VII. 20. 21.
137) IL Buch. K. 21. S. 167. Leibniz macht wieder auf das Moment des Gefühls aufmerksam, das den Willen bestimme. (Vgl. Anm. 69 zu pag. 63.)
36 Erläuterung 138—148.
138) II. Buch. K. 21. S. 168. Wörtlich: Papa- geientum. Leibniz meint das Denken ohne Erwägung seines Inhalts, wie der Papagei spricht, ohne zu wissen, was es bedeutet.
139) II. Buch. K. 21. S. 168. Die von Leibniz gemeinte Stelle scheint die aus der Schrift Ciceros de Finibus IL, c. 16, § 52 zu sein, wo freilich nicht von der Tugend im allgemeinen, sondern von der Weisheit im besonderen die Rede ist. {Oeulorum, inquit Flato, est in nohis sensus acerrimus, quihus sapientiam non cernimus. Quam illa ardentes amores excitaret sui, sl videretur.) Die von Cicero angeführte Stelle des Plato ist im Fhaedrus (p. 260. D. ed. Steph.).
140) IL Buch. K. 2t S. 168. Unsere Gefühle können sehr lebendig sein, während die dieselben ver- ursachenden Vorstellungen unklar, verworren, ja geradezu unsinnig sein mögen (man denke z. B. an den religiösen Fanatismus, an Zustände der Trunken- heit, Verirrungen der Rachsucht usw.); aber auch die Gedanken können deutlich sein, d. h. voneinander wohl unterschieden werden, ohne klar, d. h. ihrem eigentlichen Inhalt nach begriffen zu sein.
141) IL Buch. K. 21. S. 169. Hier trifft Leibniz wiederum mit Spinoza zusammen, welcher die intellek- tuelle Liebe zu Gott zum eigentlichen Prinzip der Ethik macht (Ethik Bd. V. Lehrs. 30, 32, 33 usw.; aber auch schon in der kurzgefaßten Abhandlung von Gott, Buch IL K. 5 u. 19, S. 57, 84 fl meiner Übersetzung; S. 65, 96 ff. des holländischen Textes).
142) IL Buch. K. 21. S. 172. Demnach wäre im Sinne Leibnizens die Perf ektibilität als die sitt- liche Norm zu bezeichnen.
143) IL Buch. K. 21. S. 174. Diese Geschichte bezieht sich auf die Ermordung des Markgrafen Kon- rad, eines tapfern Gegners Saladins. (Vgl. G. Weil, Geschichte der Kalifen, Bd. III, S. 423; Wilken, Geschichte der Kreuzzüge, Bd. IV, S. 485 fL)
II. Buch. Kap. 21. 37
144) II. Buch. K. 21. S. 177. Der Vers ist dem ersten Buch der Georgica des Vergil entnommen, dessen Schluß (v. 514) er bildet.
145) II. Buch. K. 21. S. 180. Wörtlich: Sage, warum du hier bist? Denke an das Ende!
146) II. Buch. K. 21. S. 184. Auch in diesem Ausspruch, daß der Hauptzweck der Vernunft ein praktischer sei, erscheint Leibniz wie in so vielen anderen Hinsichten als Vorläufer Kants. Nach Kant hat die theoretische Vernunft sogar nur die negative Bedeutung, uns über die Naturbetrachtung und Er- fahrungssphäre dahin zu erheben, wo jenseits der Sinnlichkeit die praktischen Prinzipien mittels einer Gesetzgebung aus der Freiheit den Willen unbedingt bestimmen. — Leibniz definiert in diesem Sinne die Weisheit als die Wissenschaft von der Glückseligkeit (Erdm. Nr. LXXVHI. p. 671).
147) II. Buch. K. 21. S. 185. Darunter versteht Leibniz solche Lustgefühle, welche unserm Perfek- tibilitätsstreben dienen, indem sie aus dem Bedürfnis und darum auch aus der, wenngleich dunkeln Vor- stellung des wahren Gutes hervorgehen.
148) II. Buch. K. 21. S. 186. Auch hier findet sich, vielleicht durch Vermittlung der stoischen Dok- trin, ein Anklang Leibnizens an Spinoza. Letzterer drückt sich in der „kurz gefaßten Abhandlung von Gott usw." Buch IL K. 26. (S. 121 des holl. Textes, S. 105 meiner Übersetzung) so aus: Wir können es mit Recht für eine große Ungereimtheit erklären, wie viele sagen, daß man nämlich, wenn aus der Liebe zu Gott kein ewiges Leben folgte, sein eigenes Beste suchen solle; als ob man dadurch etwas Besseres, als Gott ist, finden könnte. Dies wäre so töricht, als wenn ein Fisch, für den es doch außer dem Wasser kein Leben gibt, sagen wollte: wenn für mich auf dieses Leben im Wasser kein ewiges Leben folgt, so will ich aus dem Wasser ans Land, usw.
38 Erläuterung 149—151.
149) IL Buch. K. 21. S. 186. Nach der Auffas- sung der Stoiker, die besonders Cicero in seinen Büchern von den Pflichten ausgeführt hat, fällt das Nützliche (utile) mit dem Ehrenvollen oder Ehrbaren {honesiiun) schlechthin zusammen. Leibniz bestreitet mit Recht die ausnahmslose Richtigkeit dieses Satzes für das irdische Leben, will aber das pflichtmäßige Handeln mit Rücksicht auf die Ewigkeit aufrecht- erhalten wissen; er fordert Unsterblichkeit und Ewig- keit, um den Dualismus zvv^ischen Wohlergehen und strikter Pflichterfüllung schließlich ausgeglichen zu sehen. Kant hat diesen Gedanken wieder aufgenommen und ihm die Wendung gegeben, auf besagten Dualis- mus den Vernunftglauben an die Unsterblichkeit zu begründen.
150) IL Buch. K. 2L S. 191. Dasselbe — dies will Leibniz sagen — was den Menschen zu tief- gehenden, dauernden Lüsten, Leidenschaften und Lastern fähig macht, macht ihn auch zur Tugend fähig. Er ist imstande, die natürliche Neigung mittels der Reflexion zum allgemeinen Motiv seines Willens zu machen, selbst wenn die dadurch erstrebten Güter (wie bei der Habsucht — Ehrsucht) mehr eingebildete als wirkliche sind. Das ist ein Mißbrauch des Adels seiner Natur, aber dabei doch ein Zeugnis dieses Adels. Wir schaffen uns durch die Leidenschaft einen allgemeingültigen Maßstab als Prinzip des Handelns, also immerhin ein Ideal, wenn auch nur eine Kari- katur unserer wahren Bestimmung. Wir würden dies nicht können, wenn unser Wesen nicht auf die Ver- folgung von uns erfaßter Ideale angelegt wäre.
151) II. Buch. K. 21. S. 192. Hier berührt Leibniz den Gedanken der Wahrscheinlichkeitsrechnung, deren ungeheure Wichtigkeit er in ahnungsvollem Geiste um- faßte, und welche er an die Stelle der alten rohen Kasuistik zu setzen gedachte. Leibniz ging dabei von Pascals, des Erfinders der Wahrscheinlichkeitsrech- nung, Studien und Arbeiten aus, auf welche ihn sein Aufenthalt in Paris aufmerksam gemacht hatte. (Vgl. Guhrauers L. Leben, Bd. L S. 113 ff.) Einen Blick
II. Buch. Kap. 21. 39
in die Entstehungsgeschichte der Wahrscheinlichkeits- rechnung tut Leibniz in einem Briefe an Bourguet (Er dm. Nr. XCI. p. 723).
152) II. Buch. K. 21. S. 192. Die Aristotelische Definition des Wahrscheinlichen ist von Leibniz nicht genau wiedergegeben. Sie findet sich in der Analytik und kürzer in der Rhetorik. {Analtjt. priora II. 27. p. 70 a. 3. Ehetor. I. 2. p. 1357 a. 34.) Dort heißt es: Wahrscheinlich ist, was man als das gemeiniglich Geschehende oder Nichtgeschehende, Wirkliche oder Nichtwirkliche kennt; hier: Wahrscheinlich ist das gemeiniglich Geschehende. Aristoteles beruft sich da- bei also vielmehr auf die Erfahrung, als auf die Autorität; ihm ist der Wahrscheinlichkeitsschluß ein unvollkommener Induktionsschluß, dessen problema- tischen Charakter er wohl begrifien, aber nicht näher bestimmt hat. Spätere griechische Philosophen skep- tischen Bekenntnisses fingen dann an, von Wahrschein- lichkeitsgraden zu reden, aber auf den fruchtbaren Gedanken mathematischer Abschätzung der Wahr- scheinlichkeit sind erst die neueren verfallen.
153) II. Buch. K. 21. S. 192. Leibniz erinnert an die Mnemonik, deren Erfinder der Dichter Simonides gewesen sein soll und die noch immer auf sachgemäße Ausbildung harrt, weil man das Wesen des Gedächt- nisses noch nicht erkannt hat.
154) II. Buch. K. 21. S. 196. Weil die Mathematik als die Wissenschaft von der Größe nur auf sinnliche Dinge anwendbar ist.
155) II. Buch. K. 21. S. 197. Man übt eine innere Tätigkeit entweder so aus, daß man Wahrnehmungs- (Phantasie-)Bilder oder (sprachgeformte) Denkbilder schafft. Ersteres tun die niedriger stehenden Ente- lechien, letzteres vermögen nur die Geister. Man kann, fährt Leibniz fort, diese beiden Tätigkeiten im Not- fall als Denken bezeichnen d. h. als Bilden von Vor- stellungen. — Heutzutage brauchen wir als allge- meinsten Ausdruck zur Bezeichnung der innern Tätig- keit das ,, Vorstellen".
40 Erläuterung 156—158.
156) II. Buch. K. 21. S. 198. Diese wichtigen Ausführungen sind die einfache Konsequenz des Grund- gedankens, daß jede Substanz aus innerer Spontanei- tät wirkt. Leiden hat also für den Geist nur die Bedeutung verworrener und darum unvollkommener Tätigkeit, deren prägnantester Ausdruck für das Sub- jekt der Schmerz ist; für den Körper aber bedeutet Leiden mitgeteilte oder vermittelte Tätigkeit, wobei noch zu erwägen ist, daß, da die Körper bloße Er- scheinungen sind, auch ihre Veränderungen nur er- scheinende sind, deren Gründe immer in den spontanen Kräften einfacher Substanzen (aus deren Zusammensein und Wechselwirkung unser verworrenes Denken die Körpermasse bildet) gesucht werden müssen. (Vgl. oben Anm. 102, S. 104.)
Tätigkeit schlechthin aber ist der Übergang zu größerer Vollkommenheit und daher auch mit Lust begleitet.
157) II. Buch. K. 21. S. 199. Loslösung, fr. Sepa- ration, stammt aus dem aristotelischen Begriff des xcogiojuös. XcooiCetv ist das Trennen oder Loslösen des rein Geistigen vom Materiellen. Nachdem Descartes den antiken platonisch - aristotelischen Dualismus in anderer Weise wieder erneuert hatte, stellten Spinoza und Leibniz, jeder in seiner Art, wieder einen Monis- mus her, dem die realistische Richtung Lockes auf einem andern Wege und zu anderm Ziele gleichfalls zustrebt.
158) II. Buch. K. 22. S. 202. Daß Locke hier die Bildung der gemischten oder zusammengesetzten Modi von der weiteren Erfahrung ausgehen läßt, der er freilich die ,, Erfindung" — für einen Zweck — hinzufügt, läßt Leibniz merkwürdigerweise nicht nur hingehen, sondern er fügt auch als weitere Quelle noch die Phantasietäiigkeit hinzu. Locke versteht ohne Zweifel unter gemischten Modi etwas ganz anderes, als was durch Träume und Phantasien gebildet wird, nämlich Abstraktionen aus gegebenen zusammenge- setzten Verhältnissen, welche nach Maßgabe unseres Interesses oder wenigstens unserer Aufmerksamkeit gebildet und sprachlich fixiert werden.
II. Buch. Kap. 2-2. 23. 41
159) II. Buch. K. 22. S. 204. Ohne sich auf eine Kritik der Lockeschen Erklärung des Begriffes Ur- sache einzulassen, begnügt sich Leibniz damit, dem- selben eine doppelte Bedeutung zuzusprechen, von denen die eine auf den aristotelischen Sprachgebrauch zurückgeht, die andere den Zweck meint. Daneben erwähnt er noch, daß die Ursache auch wohl von dem stofflichen Grunde eines Dinges verstanden werde. Die nähere Untersuchung dieses wichtigen Begriffes beginnt erst mit Hume.
160) II. Buch. K. 22. S. 204. Leibniz erkennt an, daß der Begriff der Schöpfung, weil damit die Ver- ursachung von Substanzen gemeint ist, von der man sich keine Vorstellung machen kann, einer weiteren Erklärung unfähig d. h. unbegreiflich sei. Er ist daher gezwungen, an anderen Stellen seiner Schriften zu poetischen Bildern seine Zuflucht zu nehmen, um die Art und Weise der Weltschöpfung vorstellig zu machen. So spricht er einmal von einer kontinuier- lichen „Emanation" {Lettre ä Bayle v. J. 1702, Erdm. Nr. 58, p. 191), ein andermal von einer kontinuier- lichen ,,Fulguration" (Princ. Phil, ad principem Eugen., § 47. Erdm. Nr. 88, p. 708).
161) II. Buch. K. 23. S. 205. Ein römisches Sprichwort, welches besagt: Schwierigkeiten suchen, wo keine sind (wörtlich: im glatten Schilfrohr Knoten suchen).
162) II. Buch. K. 23. S. 207. Wenn man nämlich, dies ist Voraussetzung der Leibnizischen Kritik, unter Substanz ein einheitliches, individuelles, aus sich spon- tan tätiges Wesen versteht. Diesen Begriff der Sub- stanz trifft Lockes Tadel nicht, sondern den aristo- telisch-scholastischen Begriff derselben, ein Caput mortrmm der Spekulation, dem in der Wirklichkeit nichts entspricht und mit welchem das Denken nichts anzufangen vermag.
163) IL Buch. K. 23. S. 207. Nämlich: beider Rechte.
4:2 Erläuterung 164 — 169.
164) II. Buch. K. 23. S. 207. Die Erkenntnis a priori bedeutet bei Leibniz, der sich mit seinen Vorgängern hierin dem aristotelischen Begriff des .-rgöregov xfj cpvoBi anschließt, die Erkenntnis aus der Ursache, und dem- gemäß bedeutet die Erkenntnis a 'posteriori bei ihm die Erkenntnis aus der Wirkung oder Folge und darum aus der auf der Erscheinung der Dinge be- ruhenden äußeren Erfahrung. Vgl. Neue Unters., Bd. IV., K. 17. S. 535. Theodic. I. § 44. Kant änderte den Sprachgebrauch: er versteht unter der Erkenntnis a posteriori nur die aus der äußeren Erfahrung, nicht mehr die aus der Folge und Wirkung überhaupt; unter der Erkenntnis a priori aber versteht er im Gegen- satz dazu die nicht aus der Erfahrung, sondern aus reiner Vernunft hervorgehende Erkenntnis. Die gleich darauf angeführte Schrift steht bei Erdm. unter Nr. IX. p. 79.
165) II. Buch. K. 23. S. 208. Die Seele nämlich, um die Akkommodationsfähigkeit der Augen zu ge- brauchen.
166) II. Buch. K. 23. S. 208. In dessen Histoire comique des etats et empires du soleil, welche mit der Yoyage dans la Lune desselben Autors, der von 1620 bis 1655 lebte, für Swifts Gulliver teilweise als Vor- bild diente.
167) II. Buch. K. 23. S. 208. Darüber hat sich Leibniz in seinem sechsten Briefe an Des Bosses (Erdm. Nr. LXII., p. 439) weiter verbreitet, worin er die älteren Lehren der Kirchenväter über diesen Punkt in Erwägung zieht. Auch in Descartes' Briefwechsel wird über dies Thema viel verhandelt.
168) II Buch. K. 23. S. 209. Wie besonders Descartes in den Meditationen nachzuweisen unter- nimmt.
169) II. Buch. K. 23. S. 210. Descartes, Über die Leidenschaften I, 31 — 32, und in den Briefen (Buch II. Br. 36, 38 usw.).
II. Buch. Kap. 2:3. 24. 43
170) II. Buch. K. 23. S. 211. Vgl. oben Anm. 102. S. 104, die Bedeutung der „ersten" und „zweiten" Materie bei Leibniz.
171) IL Buch. K. 23. S. 213. Rohaut oder Rohault, Jacques, geb. 1620, ein Cartesianer, war einer der ersten Physiker und Mechaniker seiner Zeit. Sein Hauptwerk, die Physik, auf welche Leibniz hier an- spielt, die zuerst 1671 und vermehrt in zwei Bänden 1682 erschien, ist in mehrere Sprachen übersetzt worden.
172) IL Buch. K. 23. S. 214. Unzweifelhaft ist, daß die vorherbestimmte Harmonie, wie Leibniz sich dieselbe denkt, den Zusammenhang der Körper- bewegungen mit den darauf bezüglichen seelischen Willensakten erklärt; für den aber, welcher die vor- herbestimmte Harmonie verwirft, wird sich trotz des Widerspruchs, den Leibniz hier in so schneidender Weise erhebt, noch auf anderm Wege ein Zusammen- hang von Leib und Seele auffinden lassen, in dem Ge- danken einer realen Vv'echselwirkung nämlich zwischen der Seele und gewissen Substanzen des Körpers, zu deren Annahme gerade die semispiritualistische Auf- fassung des Stoffes durch Leibniz den Weg bahnt.
173) II. Buch. K. 23. S. 214. Leibniz meint den aus dem Descartesschen Briefwechsel bekannten Löwener Professor der Philosophie und Theologie, Lib. Fromond, gest. 1653, dessen Buch: LabyrintJius sive de cornpositionr contimii 1631 zu Antwerpen erschien.
174) IL Buch. K. 23. S. 215. Leibniz geht dabei von dem oft wiederholten Satze aus, daß das Absolute der eigentliche und ursprüngliche Inhalt der Vernunft sei (vgl. oben S. 134, Anm. 116), während Locke die Gottesvorstellung auf allerdings sehr unzureichende Weise aus Elementen der Erfahrung nach der Hand entstanden sein läßt.
175) IL Buch. K. 24. S. 215. Ln Grunde genom- men, meint Leibniz, sind die Kollektivvorstellungen
44 Erläuterung 176—178.
nicht Bezeichnungen von Substanzen, wohl aber sind die einzelnen Gegenstände derselben Substanzen, wie z. B. das Heer, die Herde usw. aus Substanzen be- stehen. Insofern dienen die Kollektivvorstellungen in- direkt doch dazu, Substanzen zu bezeichnen. Leibniz fügt diese Konzession hinzu, weil er sich mit seinem Monadensystem von der gewöhnlichen Auffassung des- sen, was Substanz ist, sehr weit entfernt und doch mit dem Sprachgebrauch nicht alle Fühlung verlieren mag.
176) II. Buch. K. 25. S. 216. Das „Ens rationis'' ist damit bezeichnet, nämlich das bloß Gedachte, dem die Wirklichkeit nur insofern zukommt, als es Denk- bild ist.
177) II. Buch. K. 25. S. 216. Die Beziehungen oder Relationen, so will Leibniz die Sache verstanden wissen, sind zunächst Erzeugnisse unseres Denkens, denn sie sind weder der Ausdruck von Substanzen, noch von den ihnen inhärierenden Bestimmungen {At- tribute, Modi), sondern der Ausdruck unserer sub- jektiven Auffassung des Verhältnisses der Dinge zu- einander. Aber diese wenn auch subjektiv mensch- liche Auffassung ist doch wieder in der Natur der Dinge, zunächst in der Natur des Geistes, gegründet und stammt insofern aus dessen eigner Konstitution, wie die ewigen Wahrheiten. Und die Konstitution des Geistes, als eines „Spiegels des Universums", ent- spricht wiederum der Wirklichkeit vermöge der vor- herbestimmten Harmonie. Der durchgängige Paralel- lismus des innern mit dem äußern Geschehen gibt somit den Relationen nach Leibniz eine gewisse reale Bedeutung.
178) II. Buch. K. 25. S. 217. Daß die Relation unter Umständen an der Dunkelheit dessen, auf das sie sich bezieht, teilhaben kann, leidet keinen Zweifel. So, um bei dem im Texte gewählten Beispiele der Ab- stammung (Paternität) stehen zu bleiben, die Art und Weise der Fortpflanzung in manchen niedrigen Tier- klassen, von der man nicht weiß, ob dabei Zeugung oder bloßes Weitersprossen usw. stattfindet.
II. Buch. Kap. 27. 45
179) n. Buch. K. 27. S. 220. Sophie Charlotte, erste Königin von Preußen, die Freundin und in ge- wissem Sinne Schülerin des Philosophen. — über das Prinzip der Individuation hatte Leibniz schon in seiner Doktordissertation gehandelt. (Vgl. Guhrauer, Leibniz' Leben L, S. 27 ff., der dies Schriftchen auch mit einer belehrenden Vorrede neu herausgegeben hat, Berlin, 1837.)
180j II. Buch. K. 27. S. 221. Das heilige Schiff, das die Athener alljährlich, zum Danke für die Er- rettung von der an den Minotaurus nach Greta ge- lieferten Menschensteuer, nach Delos sandten, wurde stückweise erneuert, um dem Scheine nach stets das- selbe alte zu bleiben, das einst den Theseus getragen. So wechseln die organischen Körper auch allmählich alle ihre Stoffe, indem die Form bleibt. Das „quac uno spiritu continentur'' steht in den Digesten (41, 3, 30), und ist eine von Pomponius gegebene, aus dem Stoizismus stammende Bestimmung. (Vgl. Göppert, Über einheitliche, zusammengesetzte und Gesamtsachen nach röm. Recht, Halle, 1871, S. 7 ff., 20 ff.)
181) n. Buch. K. 27. S. 223. Dem falschen Satze Lockes, daß die Identität des Menschen nur in seinem wohlorganisierten Körper bestehe, setzt Leibniz hier ganz richtig die Einheit des individuellen und nach ihr in beständiger Dauer verharrenden Seelenwesens entgegen, das unsere wahre Identität ausmache. Die relative Einheit des Organismus ist nur das Resultat der absoluten Einheit der Seele.
182) IL Buch. K. 27. S. 223. Nach der Meinung der Rabbiner, sagt Ulrich in seiner Anmerkung zu dieser Stelle, ist der Körper, den wir in der Aufer- stehung erhalten sollen, bereits in unserm Rückgrat vorhanden. Diesen Körper oder Knochen, tVd Luz, wie er eigentlich genannt wird, halten sie auch dieser Ursachen wegen für unverweslich. In dem Jalkut chadasch, Fol. 142, Titel Maschiach n. 44 heißt es davon: „Dasselbige Bein verweset nicht, und der heil, geben. Gott wird es durch den Tau weich machen.
46 Erläuterung 183—186.
und aus demselben wird der Leib gebauet werden. Den Grund, warum eben dieses Kncchelchen der Ver- weslichkeit nicht solle ausgesetzt sein, setzen sie darein, weil es die Lüste dieser Welt nicht genießt wie die übrigen Glieder. Diese Lehre ist bei ihnen keine bloße Spekulation. Die alten Rabbiner gott- seligen Andenkens haben diesen Knochen nicht allein gesehen, sondern ihn wirklich so stark und hart be- funden, daß eher ihre Hammer und Felsen zersprangen, als daß dieses Knöchclchen im geringsten beschädigt wurde. S. ÄsJcath Rochel im vierten Teil usw.
183) IL Buch. K. 27. S. 223. Diese Ansicht des jüngeren van Helmont — es ist Franz Mercurius van Helmont, der Sohn des berühmten Arztes Joh. Baptist gemeint — findet sich in den opuscula philosophica der ComiUssa de Connaway (London, 1690) Buch I. Kap. 6, § 7 u. 8, und Kap. 7, § 4 ausgeführt. Leibniz hat auf diesen van Helmont eine Grabschrift gemacht, welche Joecher anführt, und handelt von ihm und seiner Lehre in den Miszellaneen {Otimn Hanoveranum ed. J. F. Feller, p. 226—230).
184) IL Buch. K. 27. S. 224. In dem interes- santen Roman der Metamorphosen des Apulejus, dessen Stoff übrigens die Erfindung des witzigen Lucian ist.
185) IL Buch. K. 27. S. 225. In den Observationes med. Buch III., Kap. 56.
186) IL Buch. K. 27. S. 228. Der Kern dieser Auseinandersetzung besteht in dem Satze: „Das Ich macht die reale und physische Identität, und die von Wahrheit begleitete Erscheinung des Ich fügt die persönliche Identität hinzu." Die „Erscheinung des Ich" ist das aktuelle Bewußtsein des Subjekts von sich, welches alle innern Erscheinungen begleitet: das „Ich" aber, welches die „reale und physische" Identi- tät setzt, ist wiederum die Voraussetzung jenes Be- wußtseins des Subjekts von sich, an das sich die Überzeugung von der eigenen Realität knüpft. Kant leugnet bekanntlich hierbei die Zulässigkeit der An-
II. Buch. Kap. 27. 28. 47
Wendung des Substanzbegriffs auf die vom Körper unterschiedene Seele, und bezeichnet es als „Para- logismus der rationellen Psychologie", aus dem Ich- bewußtsein die Substanzialität einer immateriellen und als solcher unvergänglichen Seele erschließen zu wollen.
187) II. Buch. K. 27. S. 229. Präexistenz be- deutet das Vorhandensein der Seelen vor dem irdischen Leben, ein Glaube, der, mit der Lehre von der Seelen- wanderung verknüpft, bereits früh im Orient vor- kommt, unter den Hellenen von den Pythagoreern und Plato vertreten wurde und sich auch in der neueren Zeit, selbst noch bei Lessing (Erziehung des Menschen- geschlechts § 94 usw.) findet.
188) II. Buch. K. 27. S. 231. H. Morus verteidigt die Präexistenz der Seelen in seinen dialogi divini {Opera I. p. 750 — 754. Lonclini 1679). Er denkt sich nach Anleitung der Cabbala alle Seelen mit der Welt zugleich geschaffen {Opera IL p. 539). Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß Morus wie Leibniz die Seelen stets mit irgend einer Materie verbunden sein läßt. (Ebendas. IL p. 395, 396.)
189) n. Buch. K. 27. S. 232. Das Bewußtsein der Identität der Person schließt sich an das der Individualität an.
190) II. Buch. K. 27. S. 234. Die richterliche Entscheidung ist in einem solchen Falle deswegen für Straflosigkeit, weil dieselbe Person das eine Mal nicht im Vollbesitz der Vernunft war, nicht aber, weil zwei Personen angenommen werden müssen.
191) IL Buch. K. 27. S. 238. Alle wahrhafte oder wesentliche Verschiedenheit ist individuelle Ver- schiedenheit, wenn sie auch als solche sich erst in der Folge offenbart. Wiederum betont Leibniz hier den Monadismus der Wesen.
192) n. Buch. K. 28. S. 240. Eine unvollkom- mene Größe soll die sein, welche ihrer unendlichen Kleinheit wegen keine Berechnung zuläßt.
48 Erläuterung 193—197.
193) IL Buch. K. 28. S. 244. Hier tritt ein Haupt- gesiclitspunkt der Leibnizischen Philosophie hervor, demzufolge die moralisch-teleologische Vv^eltansicht mit der physikalisch-mechanischen zu einer höheren Ein- heit in der Art verknüpft werden muß, daß im Kolli- sionsfalle die erstere der letzteren derogiert. Alles Natürliche hat einen innern teleologischen Grund, der sich mittels des Mechanismus vollzieht, indem er selbst, der teleologische Grund des Geschehens, auf der göttlichen Wahl des besten als dem allgemeinen Schöpfungsprinzip beruht. (Vgl. Nouvelles de la re- publique des Icttres, Amsterdam, 1687, Juillet; Lettre ä Bayle bei Erdm. Nr. 24, p. 106; Discours de meta- physique § 19 ff.)
194 II. Buch. K. 28. S. 244. Die Identität des Rechtschaffenen und Nützlichen, des Honestum und Utile, ist ein Hauptsatz der stoischen Philosophie, wie besonders Cicero mit Berufung auf Panaetius usw. im dritten Buch seiner „Pflichten" ausführt (Kap. 3. 7).
195) II. Buch. K. 28. S. 244. Leibniz verteidigt bei dieser Gelegenheit ausdrücklich die Objektivität des Moralgesetzes gegen die Relativitätstheorie Lockes, der sich hierin den alten Sophisten nähert. Daß das Sittliche und der Maßstab für Tugend und Untugend von der wechselnden Meinung unabhängig, daß sie ,,von allgemeiner göttlicher Einsetzung" seien, ist die These Leibnizens, wobei freilich, um sie unangreifbar zu machen, ein unwandelbares (absolutes) und ein wandelbares (relativ nach Zeiten und Personen gültiges) Element im Sittengesetz unterschieden werden müssen.
196) II. Buch. K. 28. S. 246. Diese Erzählung gibt Vopiscus in den Script, hist. August. Vol. II, p. 213, 214 (ed. Peter). Die darauffolgende Notiz aber, welche gleichfalls dem Vopiscus entnommen ist (a. angef. 0. p. 212, 9), bezieht sich nicht auf Bonosus, sondern auf Proculus.
197) II. Buch. K. 28. S. 246. Der Vers ist dem Schluß der zweiten Satire des Persius entnommen (v. 74).
II. Buch. Kap. 28. 29. 49
198) II. Buch. K. 28. S. 247. Die Tugend ist das, was man lobt, weil es an sich löblich ist; sie hängt von der Wahrheit d. h. von der immer gleichen Eealität der sittl. Weltordnung, nicht von der wandel- baren Meinung ab. Dieser Satz ist der Kern dessen, um was es sich bei der Disputation in diesem Kapitel handelt.
199) II. Buch. K. 29. S. 249. Die Abhandlung, welche Leibniz hier zitiert, führt den Titel: Meditationes de cognitionc, veritate et idcis und erschien, wie der Text auch angibt, 1684 in den Acta eruditorum Lip- siensium (p. 537). Sie knüpft an Descartes, besonders dessen Eegulae ad direciionem ingcn'ü an, scheint unter andern aber auch Spinozas tractatus de emendatione intellectus im Auge zu haben, ohne diesen Schrift- steller zu zitieren, wie Leibniz überhaupt nicht gern Spinoza herbeizieht. In den „Meditationes" ist schon die Rede von dem Beweisen der Axiome. (Vgl. oben pag. 155, Anm. 126.)
Leibniz tadelt bald darauf mit Recht Lockes Defi- nitionen des Klaren und Deutlichen als zu wenig von- einander unterschieden.
200) n. Buch. K. 29. S. 256. Hier beziehen sich die Ausdrücke „exoterisch" und „akroamatisch" wieder auf das Formelle oder die Schreibart. Man vgl. das oben zur Vorrede pag. 8 Anm. 4 Gesagte.
201) II. Buch. K. 29. S. 256. Die angeführten Stellen des Persius stehen in dessen erster Satire V. 2—3.
202) II. Buch. K. 29. S. 258. Es kann ein Bild klar sein, sagt Leibniz, und doch ist nur eine ver- worrene Vorstellung damit verbunden. Der Mathe- matiker konstruiert umgekehrt aus dem Begriff oder der bestimm.ten Vorstellung]: der Figur, mit deren Hilfe er sich über den Inhalt seiner Vorstellung (z. B. des Tausendecks) usw. orientiert. Die mathematische Kon- struktion dient also nur in dem Maße zum Verständ- nis, als sie aus dem Begriffe der in Rede stehenden Größenvorstellung entspringt.
Leibniz. Krläutcruiißen. 4
50 Erläuterung- 203—205.
203) II. Buch. K. 29. S. 259. Wir haben, so ent- gegnet Leibniz, eine vollständige und richtige Vor- stellung der Ewigkeit, weil wir sie definieren können, aber wir haben kein (adäquates) Bild derselben. Die Streitigkeiten über diesen Begriff kommen eben daher, daß man die bildlichen Vorstellungen der Ewigkeit als adäquat betrachtet und für wirkliche nimmt. Bleibt man mit der Vorstellung der Ewigkeit im reinen Denken und vermischt man sie nicht mit Sinnlichem, so haben wir jene Widersprüche und Konfusion nicht zu fürchten, von denen Locke redet.
204) II. Buch. K. 30. S. 261. Leibniz bestreitet die von Locke behauptete Subjektivität der gemischten Modi und Relationen, welche mit dessen im § 3 auf- gestellter Lehre zusammenhängt, daß der Geist zwar in Hinsicht der einfachen Vorstellungen passiv sei, aktiv aber in bezug auf die Kombinationen derselben.
Leibniz, welcher letzterer Meinung gegenüber das Vorstellen schlechthin als Tätigkeit betrachtet, er- widert, daß die Relationen durch göttliche Determi- nation ihre objektive Bedeutung haben, und daß die gemischten Modi sehr wohl reale Akzidentien sein können, die dadurch nicht zu etwas bloß Subjektivem werden, daß wir sie denkend auffassen.
Aber er geht noch weiter. Alles Realmögliche (z. B. die Verhältnisse einer noch nicht erfundenen Maschine oder eines noch nicht entdeckten mathe- matischen Kalküls) ist in gewissem Sinne als Gegen- stand der Intelligenz wirklich: der göttlichen Intelli- genz ist es wirklicher, der menschlichen allgemein möglicher Gegenstand. Das äußere Dasein (z. B. der später entdeckten Maschine, der vollzogenen Rech- nung) fügt dem Wesen dieser Dinge nichts hinzu und ändert darum auch nichts im Verhältnis des Denkens zu ihnen.
205) II. Buch. K. 30. S. 262. Die Hauptstelle über Demokrits Ansicht von der Milchstraße findet sich in den Meteorologica des Aristoteles, Buch I, c. 8 (Bekkers Ausgabe p. 345 a. 25), der die späteren folgten.
II. Buch. Kap. 30. 31. 32. 51
206) II. Buch. K. 30. S. 263. Albertus Magnus, welcher von 1193 — 1280 lebte, einer der bedeutendsten Aristoteliker des Mittelalters, ist wie mancher andere Gelehrte jener dunkeln Jahrhunderte (Michael Scotus, Roger Bacon usw.) der Zauberei verdächtigt worden. Davon erzählt besonders Trithemius in den Annales Hirsaugicnses (II, p. 40), der übrigens den Philosophen in Schutz nimmt. Ebenso hat ihn Naude in der Apologie des grands liommes sowpqonnes de magie (c. 18), auch Bayle im Wörterbuch, s. v. Albert Le Grand, und Brucker, hist. philosophiap III., p. 793 ff., verteidigt.
207) II. Buch. K. 31. S. 265. Demgemäß wäre eine unmögliche Vorstellung diejenige, welche nicht vollzogen werden kann, indem ihr Inhalt sich selbst oder den übrigen Vorstellungen widerspricht. Nach dieser Erklärung ist wiederum die Denknotwendig- keit oder logische Konsequenz das Kriterium der Wahrheit. —
208) II. Buch. K. 32. S. 266. Die Untersuchung der Wahrheit erfolgt im vierten Buche; hier wird die Frage nur vorübergehend erörtert. Locke beginnt mit der Erklärung, welche Aristoteles de an. III, 6 gibt, daß die Wahrheit sich nur auf die Sätze oder Urteile bezieht, daß also, wenn eine Vorstellung wahr oder falsch genannt wird, dabei stillschweigend ein Satz oder eine Behauptung gemacht werde. Leibniz bestreitet diese Erklärung nicht, sondern gibt ihr nur eine andere Wendung: wahr ist ihm das Denkbare d. h. dasjenige, welches, wenn es gedacht wird, weder mit sich noch mit anderem Wahren in Widerspruch steht, unwahr das, welches nicht ohne Widerspruch gedacht werden kann. Locke geht ferner zu der gleich- falls von Aristoteles aufgestellten Definition fort, wo- nach die Wahrheit in die Beziehung zur Sache gesetzt wird (Aristoteles de interpr. : der Begriff muß die Dinge bezeugen und die Dinge den Begriff; die Be- griffe sind wahr nach Maßgabe der Dinge usw.). Leibniz setzt die Wahrheit dagegen seiner obigen Erklärung gemäß in die Beziehung (Cbereinstimmung) der Vorstellungen zu(mit)einander.
4*
52 Erläuterung 209—211.
209) II. Buch. K. 32. S. 266. Die Definition des Wahren, welche Leibniz hier gibt, stellte Chr. Wolf in der Folge an die Spitze der gesamten Wissenschaft. Ihm ist demnach die Philosophie die Wissenschaft des Möglichen, sofern es sein kann (Log. Disc. praelectt.), oder auf deutsch: „die Weltweisheit ist eine Wissen- schaft aller möglichen Dinge, wie und warum sie möglich sind."
210) II. Buch. K. 32. S. 269. In diesen Bemer- kungen liegt der Keim zur Erkenntnis des Assoziations- gesetzes, welches Chr. Maaß in seinem „Versuch über die Einbildungskraft" (Halle und Leipzig, 1797), dann J. Fries in seiner „Neuen Kritik der Vernunft" (2. Aufl., 1826, pag. 148 ff.) weiter bearbeiteten, endlich Her- bart und dessen Schule näher erörtert und zu begründen unternommen haben.
211) III. Buch. K. 1. S. 270. Der englische Philo- soph Hobbes (1588 — 1679) leugnet in seinen politischen Schriften („vom Bürger", zuerst 1642, und „Leviatkan'' 1651), daß der Mensch durch einen Naturtrieb zur Geselligkeit neige, wie Aristoteles und von den Neuern besonders Hugo Grotius dies ausgesprochen hatten; er erklärt vielmehr den „Krieg aller gegen alle" für den Naturzustand der Menschen. Die Gesellschaft aber entsteht ihm zufolge aus gegenseitiger Furcht, auf der Grundlage des Eigennutzes, nicht durch Betätigung eines GeselLgkeitstriebes. Letzteren hatte Hugo Gro- tius in seinem rechtswissenschaftlichen Werke über das Recht des Krieges und Friedens (1625) als das natürliche Bindemittel menschlicher Gemeinschaft her- vorgehoben. Ihm schließt Leibniz sich an, indem er Lockes Äußerung benutzt, um darauf hinzuweisen, daß die Natur selbst den Menschen zum Leben in geselliger Gemeinschaft bestimmt habe, mittels deren er seine Zwecke leichter und besser erreiche. Zur Bildung der Gemeinschaft aber diene besonders die Sprache als das spezifische Mittel der Kommunikation der Menschen miteinander. In gleichem Geiste hatte Aristoteles den Staat für die Anstalt erklärt, welche um des guten Lebens willen von Natur aus be-
ni. Buch. Kap. 1. 63
stimmt sei und dabei auch an die Sprache als Mittel menschlicher Gemeinschaft erinnert (Politik, Bd. I. Kap. 2).
212) m. Buch. K. 1. S. 271. Diese früher all- gemein verbreitete Ansicht, daß nämlich die Affen Sprachorgane hätten — eine von den Negern noch heutzutage festgehaltene Meinung — ist bereits von Peter Camper widerlegt worden. (Vgl. P. Campers Naturgeschichte des Orang-Utan und einiger anderer Affenarten usw. übersetzt von J. F. M. Herbell. Düsseldorf, 1791. 4^. pag. 147 ff.)
213) III. Buch. K. 1. S. 272. Jac. Golius, der von 1596 — 1667 lebte, Schüler und Nachfolger des Er- penius an der Leidener Universität, hat sich durch Herausgabe mehrerer arabischer Werke, besonders aber durch sein arabisches Lexikon bekannt gemacht.
214) m. Buch. K. 1. S. 273. Leibniz berührt hier eines der schwierigsten Probleme der Sprachwissen- schaft, die Frage nämlich, ob die Sprachbildung von individuellen oder allgemeinen Bezeichnungen ausge- gangen sei. Er entscheidet sich für das letztere. Es ist indessen zu bemerken, daß die Sprachbildung, wenn auch die wortgeformten Begriffe sofort im Ge- brauch den Charakter der Allgemeinheit annahmen, schwerlich davon ausging, daß von vornherein den Worten jener allgemeine Sinn beigelegt wurde, den sie hinterher haben. Man konnte sehr wohl von indi- viduellen Bezeichnungen ausgegangen sein, welche dann Appellativa wurden und nun rückwärts zur Be- zeichnung der Individuen angewendet werden. Die Kinder, auf welche Leibniz sich beruft, brauchen frei- lich aus mangelnder Sprachkenntnis gern allgemeine Begriffe, aber erst infolge eines von ihnen ange- wandten Analogieverfahrens, nicht aber deswegen, weil sie die Worte von Anfang an als allgemeine Begriffe gefaßt und anerkannt hätten.
215) III. Buch. K. 1. S. 273. Wenn die Sprache, sagt Leibniz, es bezeugt, daß wir von sinnlichen Ein-
54 Erläuterung 216—218.
drücken zu abstrakten Begriffen fortgeschritten sind, so drückt sie damit nicht das Wesen unserer Erkennt- nis, sondern nur deren Entwicklungsgeschichte aus. In noch weiterem Sinne ist die Geschichte der Sprache die Geschichte der menschlichen Geistesentwicklung überhaupt, wie die Geschichte der Religion dies in anderm Betracht auch ist.
216) III. Buch. K. 1. S. 274. Diese Bemerkung beider Philosophen, daß die Bedeutung der Worte vom Konkreten zum Abstrakten fortgeschritten sei und noch immer fortschreite, ist der Leitfaden der ge- sunden Etymologie und Worterklärung. Die Richtig- keit der Bemerkung Lockes in bezug auf den Begriff Geist läßt sich in verschiedenen Sprachen nachw^eisen, so in der Hebräischen (vgl. Spinoza im theol. -poli- tischen Traktat, Kap. I), Griechischen (TTvevina), La- teinischen (spiritus von spirare) usw.
217) m. Buch. K. 2. S. 276. Die Frage, ob die Sprache durch willkürliche Übereinkunft (ex instituto, per conventionem) von den Menschen gebildet oder ihnen von Natur gegeben sei, hat von jeher die Wissen- schaft beschäftigt. Aufgeworfen ist diese Frage schon im Dialog Kratylus und in der aristotelischen Schrift von der Interpretation. Leibniz deutet richtig an, daß es dabei nicht auf ein Entweder — Oder ankomme, sondern daß an der Sprachbildung, wie an allen wahr- haft menschlichen Produktionen, Natur und Geist beide ihren Anteil haben. Die Natur gibt gewissermaßen das Material, das der Geist in fortschreitender Selbstver- tiefung — innerhalb gewisser Grenzen mit Willkür — formt, und jedes menschliche Individuum ist beim Ge- brauch der schon geformten Sprache selbst wieder in dieser Lage, das Gegebene bis auf einen gewissen Punkt frei sich aneignen und anwenden zu können.
218) III. Buch. K. 2. S. 276. Das Werk Georg Dalgarns, auf welches Leibniz hier anspielt, erschien 1661 unter dem Titel: ,,ars sifjnorum, vulgo character universalis et lingua philo so phica'' und rühmt sich, daß mit seiner Hilfe binnen zwei Wochen jedermann,
III. Buch. Kap. 2. 55
welcher Nation er sei, alle seine Gedanken ausdrücken und verständlich machen könne. Wie eingehend sich Leibniz mit diesem Werke Dalgarns beschäftigt hat, zeigt der Umstand, daß er die Kategorien der ars signorum für seine Charakteristik oder philosophische Sprache erklärte. (Vgl. Monatsbericht der Kgl. Akad. der Wiss. zu Berlin. Jan. 1861 p. 170—219.)
219) III. Buch. K. 2. S. 276. Joh. Wilkins, geb. 1614, schrieb unter vielen andern Werken einen Essay towards a real character and pJiilosophical langungp.
220) III. Buch. K. 2. S. 276. Über das sog. Rot- welsch, die schon im sechzehnten und mehr noch im siebzehnten Jahrhundert hervortretende fiktive Gauner- sprache Deutschlands, handelt besonders eingehend Ave-V Allemant in seinem Werke „Das deutsche Gauner- tum, Leipzig, 1858 — 1862" in vier Bänden. Darin ist nachgewiesen, daß namentlich das Hebräische ein starkes Wortkontingent zur Gaunersprache beige- steuert hat, daß die Grammatik sich aber nach dem Deutschen richtet. In Italien führt die Gaunersprache auch den Namen Gergo, entsprechend dem franzö- sischen Argot. Wie sehr zu Leibniz' Zeit die Aufmerk- samkeit auf das Rotwelsch gerichtet war, zeigt die Romanliteratur, besonders aber zeigen es die ,, Ge- sichte Philanders von Sittewald".
221) m. Buch. K. 2. S. 276. Es ist der als Viel- schreiber und schmähsüchtiger Polemiker bekannte Philipp Labbe gemeint, welcher 1667 starb.
223) in. Buch. K. 2. S. 277. Diese berühmten Eidesformeln, vermutlich aus einem lateinischen Urtext in die altromanische und altdeutsche Sprache übersetzt, hat Nithart in seinem Geschichtswerke (Bist. lib. III. c. 3) aufbewahrt, das im Auftrage Karls des Kahlen in den Jahren 841 bis 843 abgefaßt wurde. Pertz hat im achten Band der Monumenta Germaniae (S. 665 bis 666) den Text wiedergegeben, dessen romanischen Teil Fr. Diez in seinen „altromanischen Sprachdenk- mälern" (Bonn, 1846), und dessen altdeutschen Teil
66 Erläuterung 224—226.
J. Grimm, Wackemagel und Maßmann erklärt haben. Einen guten Teil der Literatur über das interessante Sprachdenkmal findet man bei Diez im erwähnten Werke (p. 3—5).
224) III. Buch. K. 2. S. 277. Außer dieser im Jahre 808 vollendeten Otfriedschen Evangelienharmo- nie, welche man gewöhnlich den „Christ" nennt, und die in neuester Zeit wiederholt herausgegeben, erklärt und auch ins Neuhochdeutsche übersetzt worden ist, sind seit der leibnizischen Epoche noch mehrere, zum Teil selbst noch ältere Denkmäler der altdeutschen Sprache bekannt geworden, wie die Merseburger Be- sprechungsformeln, das Hildebrandslied und andere.
225) III. Buch. K. 2. S. 277. Caedmon fällt ins siebente Jahrhundert. Seine in angelsächsischer Sprache verfaßten, durchweg geistlichen Gedichte sind in einer Handschrift des 10. Jahrhunderts auf uns gekommen und scheinen von späterer Redaktion, als die Ab- fassungzeit ist, zu zeugen. Es existieren englische und deutsche Ausgaben derselben; auch hat man an- gefangen, sie ins Neuhochdeutsche zu übersetzen.
226) III. Buch. K. 2. S. 277. Der „silberne" Kodex, von dem Leibniz hier spricht, enthält auf pur- purfarbenem Pergament, mit Silber- und Goldbuch- staben geschrieben und in Silber gebunden, einen großen Teil der Evangelien in gotischer Sprache, wie sie der gotische Bischof Ulfilas (Vulfila, von 311 bis 381 lebend) um die Mitte des vierten Jahrhunderts in die Sprache seines Volkes übersetzt hatte. Die Handschrift, welche um den Anfang des sechsten Jahr- hunderts unter der Herrschaft der Ostgoten in Italien geschrieben worden sein soll, kam nach mancherlei Schicksalen im Jahre 1669 nach Upsala in Schweden, wo sie sich noch befindet. Seitdem Leibniz schrieb, sind noch mehrere Überreste der gotischen Literatur entdeckt worden, indessen ist der „silberne" Kodex noch immer die Hauptquelle unserer Kenntnis des Gotischen, eines der edelsten deutschen Dialekte, ge-
IIL Buch. Kap. 2. 57
blieben. L. kommt öfters auf Ulfilas und den Kodex argenteus zurück, bes. in seinem Briefv/echsel mit J. Ludolf (p. 35, 47, 227).
227) III. Buch. K. 2. S. 279. In diesen Ahnungen des verwandtschaftlichen Zusammenhanges zunächst der europäischen Sprachen, dann auch der übrigen miteinander war Leibniz, wie in so vielen andern Dingen, seiner Zeit weit vorausgeeilt. Er war es denn auch, welcher zuerst von diesem Gesichtspunkte aus die Sprachenvergleichung forderte und selbst betrieb.
228) III. Buch. K. 2. S. 279. Adam steht hier als Symbol und Vertreter der ursprünglichen Einheit des Menschengeschlechts. Nach Jak. Böhme war Adam dazu bestimmt, sein Geschlecht in engelgleicher Rein- heit fortzupflanzen, ohne deren Integrität zu gefährden. (Vgl. u. a. Dreyfach Leben K. 8, 2 — ^i. Princ. 10, 8 — 12. Mst. Magn. K. 15, 1 — 9 usw.) Wie aus ver- schiedenen Zitaten hervorgeht, hat Leibniz sich zwar mit Böhmes Schriften beschäftigt, ist aber von ihnen wenig erbaut gewesen. In einem Briefe an Fr. J. Löffler (Kortholt Bd. IV. Dutens, Werke Bd. VI. S. 409) drückt er sich darüber so aus: Die Streitig- keiten über Böhmes Sätze halte ich für müßig, und glaube, er habe weder sich, noch andere ihn verstanden.
229) III. Euch. K. 2. S. 280. Den von L. hier und auch sonst vielfach angestellten Versuch, die ur- sprüngliche Bedeutung der einzelnen Buchstaben für die Wortbildung festzustellen, hat in ähnlicher Weise schon der Verfasser des platonischen Kratylus ge- macht. (P. 434 ff. ed. Steph.)
230) m. Buch. K. 2. S. 281. Der zitierte Vers ist aus Yergils Ameis Buch VIII, v. 91.
231) III. Buch. K. 2. S. 283. Samuel Bochart, 1667 zu Caen gestorben, dessen Werke im Jahre 1692 zu Leiden und Utrecht in drei Folianten erschienen sind, wird von Leibniz geschätzt und oft zitiert. Bochart
58 Erläuterung 232—233.
wollte alle Sprachen etymologisch aus dem Hebräischen und Phönizischen ableiten (Vgl. Leibniz' Werke v. Dutens Tl. VI. S. 223, 226).
232) III. Buch. K. 2. S. 284. Goropius, mit dem Beinamen Becanus, ein namhafter Gelehrter und Arzt des sechzehnten Jahrhunderts, hat besonders in seiner Schrift Hermathene, die in seinen 1580 zu Antwerpen erschienenen Opera die erste ist, versucht, die Sprache aus dem Niederdeutschen — welches er in der ge- nannten Schrift (Buch II. S. 25 f.) als das „Zimbrische" bezeichnet — abzuleiten, wie er denn auch die Nieder- lande für den Sitz des Paradieses hielt. Trotz dieser Wunderlichkeiten zeichnet sich Goropius durch Tief- blick aus.
233) III. Buch. K. 2. S. 284. Joh. Clauberg (1622 bis 1665), ein Cartesianer und Professor in Duisburg, wird wegen seiner sprachwissenschaftlichen Studien wie als Philosoph von Leibniz hochgeschätzt und oft zitiert. Einer Äußerung zufolge scheint ihn Leibniz sogar über Descartes gestellt zu haben. (Cartesius voluit quaedam emendare in physicis ; displicet tarnen audacia et fastu nimio conjuncto cum stili ohscuri- tate, confusione, maledicentia. Longe magis mihi pro- hatus Claubergius, discipulus ejus, plenus, perspiouus, hrevis, methodicus. Mise, in Otio Hanoverano ed. J. F. Feller p. 181. Vgl. Dutens VI. p. 1. p. 311.) Leibniz hatte Claubergs meditationes et collectanea linguae Teu- tonicae (Duisburgi, 1663) sowie dessen Büchlein ars etymologica Teutonum studiert (Dutens V. p. 334, VI. p. 2. S. 28, 179, 220) worin Clauberg als Grundsatz aufstellte, daß das Deutsche für eine ursprüngliche Sprache erklärt werden müsse. (Vgl. L. Neff: G. W. Leibniz als Sprachforscher und Etymologe. Heidel- berg, 1870. Tl. L S. 161)
Der zunächst genannte Gerhard Meier oder Meyer aus Bremen wurde durch Leibniz zu sprachlichen For- schungen angeregt und für Linguistik gewonnen, wie aus Eccards Einleitung zu den Collectanea etymologica Leihnizii (S. 52) hervorgeht. Eben diese Collectanea legen durch den Briefwechsel Meiers mit Leibniz von
III. Buch. Kap. 2. 3. 59
dem Umfang und der Art, wie jener Etymologie trieb (Dutens VI. p. 2. S. 145 f.), Zeugnis ab. Meier wurde durch frühen und jähen Tod diesen Studien entrissen. Der berühmte Schilter, die damalige Hauptzierde der Straßburger Universität, war durch seine juri- stisch-antiquarischen Arbeiten auf Sprachstudien ge- führt worden. Leibniz sagt darüber, nachdem er Schilters Kränklichkeit bedauernd — derselbe starb nach langen gichtischen Leiden, 73 Jahre alt, am 14. März 1705 — die Befürchtung ausgesprochen, daß die von jenem vorbereiteten Ausgaben des Xot- ger und Otfried nicht erscheinen würden — in den Collectanea Etymologica (Dutens VI. p. 2. S. 222) : Mr. Schilterus se sert encore des evangiles gofhiques d'ülfilas, de V Anglo-Saxon et aussi de VIslandois, comnie d'autres vieux livres et glossaires ; car il faul joindre ensemhle les differents dlalectes de tous les peuples Teutoniques pour expliquer les vieux livres etc.
234) III. Buch. K. 2. S. 286. Leibniz erinnert hier an den Umstand, daß der Gebrauch der Abstrakta dazu veranlaßt, Begriffe zu hypostasieren d. h. all- gemeine Denkbilder als Substanzen angesehen und als solche zu behandeln — eine Quelle der mannig- fachsten und eingreifendsten Irrtümer, die Fr. Bacon unter dem Namen der idola fori charakterisiert hat.
235) III. Buch. K. 3. S. 288. Leibniz meint den älteren Bauhin, mit Vornamen Jean, und spielt an auf dessen Werk: de plantis absinthii nomen hahentibus. welches 1595 und 1599 zu Montbeliard erschienen ist, wo Bauhin als Leibarzt des Herzogs Ulrich von Würtemberg-Montbeliard lebte und starb. Sein Haupt- werk aber ist die allgemeine Geschichte der Pflanzen, welches er mit J. J. Cherler, seinem schweizerischen Landsmann zusammen verfaßte und 1650 — 1651 zu Yverdun in drei Folianten erscheinen ließ.
236) in. Buch. K. 3. S. 290. Locke behandelt die Frage nach den „Geschlechtern und Arten" (gmera und species), wie aus mehreren seiner später folgenden Äußerungen hervorgeht, als eine leere. Sie ist ihm
60 Erläuterung 237—238.
ein unnützes Problem des Schulwitzes, da das „All- gemeine" mit der Wirklichkeit nichts zu tun habe, vielmehr das Resultat einer subjektiven, mehr oder weniger willkürlichen Abstraktionstätigkeit des Men- schen sei. Leibniz macht dagegen geltend, daß das Allgemeine den Dingen selbst als ihr Wesen inne- wohne, und darum die Bildung der allgemeinen Be- griffe nicht als ein bloßer Notbehelf des Denkens, sondern als eine berechtigte Auffassung dessen, was wahr und wirklich ist, angesehen werden müsse. — Notionale oder begriffliche Wesen sind solche, die sonst wohl entia rationis genannt werden und dazu dienen, das zu bezeichnen, welches ohne im gewöhn- lichen Sinne des Wortes substantiell (erste Substanz in der Sprache des Aristoteles) zu sein, doch eine ideale Wirklichkeit beanspruchen kann. Im vierten Buch wird dieser Gegenstand noch einmal der Unter- suchung unterzogen.
237) III. Buch. K. 3. S. 290. Von dieser Art sind verschiedene Werke des Marburger Professors Pud. Goclenius sowie Joh. Heinr. Aisteds. Da Leibniz beide Männer, seine älteren Zeitgenossen, kannte und schätzte, mag er hier an sie gedacht haben. Aisteds Encyclopaedia (lierborniae, Gorvinus 1630), welche vielfach auf Raim. Lullus zurückgeht, hat Leibniz viel studiert. Er erv/ähnt ihrer öfters und hat „Gedanken" darüber niedergeschrieben (Dutens B. V. S. 183 ff.).
238) III. Buch. K. 3. S. 292. Leibniz mildert hier mit Recht den von Locke gegen die erste Regel des Aristoteles gerichteten Tadel, wonach die Defi- nition aus Geschlechtsbegriff und artbildendem Unter- schied (Differenz) bestehen soll. Er macht dabei darauf aufmerksam, daß häufig Geschlecht und Differenz vertauscht werden können und gibt auch die Erklärung davon: es hänge dies von dem Gesichtspunkt der Ein- teilung ab. Die Definition ist nämlich der Ausdruck oder die Anzeige der Stelle, welche ein bestimmter Begriff in der logisch geordneten Gesamteinteilung der Begriffe überhaupt einnimmt. Diese Gesamtein- teilung kann aber von verschiedenen Gesichtspunkten
III. Buch. Kap. 3. 61
aus in Betracht gezogen werden, da es verschiedene Prinzipien der Einteilung gibt. Die Bemerkung, daß das Geschlecht und der artbildende Unterschied sich nicht selten miteinander vertauschen lassen, gilt be- greiflicherweise nur dann, wenn beiderlei Bestim- mungen gleich oder nahezu gleich wesentlich sind. Über das Verhältnis von Geschlecht und Art sagt Leibniz im vierten Buch zum Schluß seines Werkes noch ein Mehreres. (Vgl. übrigens Anm. 243.)
239) III. Buch. K. 3. S. 294. Das verlangte regel- mäßige Dekaeder ist nämlich eine unmögliche Figur.
240) III. Buch. K. 3. S. 295. Man vergleiche, was oben Anm. 164 zu S. 214 über die Begrifie Apriori und Aposteriori gesagt worden ist.
241) m. Buch. K. 3. S. 296. Plinius erzählt in der Naturgeschichte (Bd. 36. Kap. 66), daß unter dem Kaiser Tiberius der Sage nach solches biegsames Glas fabriziert worden sei, fügt aber vorsichtig hinzu, das Gerücht davon sei weniger sicher als verbreitet ge- wesen (fama crebrior quam certior).
242) III. Buch. K. 3. S. 296. Über diesen Punkt, daß alle sinnliche Erkenntnis d. h, jedwede Erkennt- nis unmittelbar gegebener sinnlicher Eigenschaften trotz aller möglichen Klarheit verworren sei, hat sich Leibniz schon einmal (vgl. oben S. 15) ausgesprochen, bei welcher Gelegenheit denn auch angegeben ist (Anm. 17), wie dieser oft angefochtene Satz verstanden werden müsse.
243) III. Buch. K. 3. S. 296. Schon in der ersten Beurteilung des Lockeschen Werkes (Des Maiseaux Eecueil IL p. 143. Erdm. Nr. XLI) JUflexions etcr kommt Leibniz auf den Unterschied der Nominal- und Realdefinition zu sprechen und verweist auf seine im Jahre 1684 in die Acta Erudltorum Lipsiens. Nov. S. 537) gesetzten, hier schon öfters erwähnten Mcdi- iatioups (If cognitiorip usw. (bei Erdm. Nr. IX.). No- minaldefinitionen, sagt er dort, sind solche, welche nur
62 Erläuterung 244.
Merkmale des (zu definierenden) Dinges behufs der Unterscheidung desselben von andern Dingen ent- halten; Realdefinitionen dagegen solche, durch welche die Möglichkeit des Dinges erhellt. Die Nominaldefi- nition erklärt also die Sache dem Ausdruck oder Namen nach, daher es auch von unmöglichen Dingen Nominal- definitionen geben kann wie z. B. von dem oben er- wähnten regelmäßigen D'ekaeder; die Realdefinition aber gibt die reale Möglichkeit des zu Definierenden durch die Wesenserklärung desselben an. Leibniz sucht nun die Realdefinition auf die genetische zurückzu- bringen, welche die Entstehung des Dinges aus seinen Bedingungen zeigt, daher er sie auch ohne weiteres die „causale^ nennt. Danach gäbe es streng genommen Realdefinitionen nur von dem, was wir machen können. In der Abhandlung Trendelenburgs „über das Element der Definition in Leibnizens Philosophie" (Monatsber. der Kgl. Preuß. Akad. der W. zu Berlin. Jahrg. 1860 Juli — Trendelenburgs hist. Beiträge zur Philosophie, Bd. III. Berlin, 1867. S. 48—62) ist mit Recht her- vorgehoben, daß L. beim Definieren besonders das analytische Element im Auge hat. Leibniz erklärt das Definieren als eine Entfaltung des Begriffs, eine Auflösung desselben in mehrere, dem einen gleich- geltende Begriffe. (Definire est explicare notionem, resoJvere in plures notiones iini aequivalentes.)
244) III. Buch. K. 4. S. 297. Leibniz berührt hier eines der schwierigsten Probleme der Erkenntnis- theorie, die Beweisbarkeit der Realität dessen, was den sinnlichen Erscheinungen zugrunde liegt. Dem sog. gesunden, aber ungebildeten Menschenverstände gilt die Realität der Dinge allerdings für selbstver- ständlich, aber wenn man die Versuche, diese Realität strikt zu beweisen, ins Auge faßt, muß man sich bald überzeugen, daß die Sache lange nicht so leicht und einfach ist, als sie scheint. Hier nun genüge die Be- merkung, daß die Mängel in der Widerlegung des (subjektiven) Idealismus, (die allerdings mit aller nötigen Schärfe geleistet werden kann), größtenteils dem Umstände zugeschrieben werden müssen, daß man sich dabei zu ausschließlich an die Momente des rein
III. Buch. Kap. 4. 63
theoretischen Erkennens hält und das Moment des Bewußtseins der freien Beweglichkeit (des Körpers auf Grund von Vorstellungen) mit herbeizuziehen ver- säumt. Merkwürdig ist es aber, um zu Leibniz zurück- zukehren, daß derselbe sich die Frage nicht vorgelegt zu haben scheint, wie denn seinem Systeme zufolge der Glaube an die Realität der äußeren Dinge sich rechtfertigen lasse. Denn erkenntnistheoretisch ge- nommen ist Leibniz Idealist, während er in der Meta- physik Realist ist. Die Antwort für ihn würde aber sein, daß wir von der wenn auch an sich idealistischen Repräsentation der Dinge in unserer Innern Welt der Vorstellungen durch das Bewußtsein von der prästabi- lierten Harmonie unmittelbar zu dem Glauben an die Realität der Dinge übergeleitet werden, ähnlich wie bei Descartes der Gedanke an die Wahrhaftigkeit Gottes die Brücke von dem Subjekt zum Objektiven bildet. Allein da müßte doch wieder gefragt werden, ob die Annahme der „prästabilierten Harmonie" nicht den Glauben an die Wirklichkeit der Dinge außer uns schon voraussetze, also Leibniz mit jener An- nahme sich nicht im Zirkel bewege.
245) m. Buch. K. 4. S. 298. Vgl. oben S. 107 bis 108. Der zwingende Grund, die sinnlichen Er- scheinungen auf Wirkliches zurückzubeziehen, liegt übrigens in der Konstanz derselben.
246) in. Buch. K. 4. S. 298. Leibniz meint wieder seine schon erwähnte Schrift: Meditationes de cogni- tione, veritate et ideis (Acta Erud. Lips. Nov. 1684, p. 837. Bei Erdm. Nr. IX).
247) III. Buch. K. 4. S. 299. In dieser berühmten oder wenn man lieber will berüchtigen Definition der Bewegung, welche sich im ersten Kapitel des dritten Buches der aristotelischen Physik findet (nach deren wahrer Bedeutung Hermolaus Barbarus sogar den Teufel gefragt haben soll — vgl. Naude Apologie pour toHS les grands hommes — soupronnes de viagie Cap. 13 — ) ist Bewegung offenbar in einem weitern Sinne als der bloß örtlichen, wie wir das Wort zu
64 Erläuteining 248 — 251.
brauchen pflegen, genommen. Dies geht auch schon aus dem oben Anm. 123 aus der aristotelischen Phy- sik Mitgeteilten hervor und wird mit Recht von Leibniz zur Verteidigung des alten Philosophen geltend ge- macht.
248) III. Buch. K. 4. S. 299. Dagegen enthält die Definition des Lichtes, daß es die Betätigung (Tat- sache, Wirklichkeit) des Durchsichtigen sei, eine wahre Zirkelerklärung. Hier stimmt Leibniz mit Recht in den Tadel Lockes ein. Dabei ist im Raspeschen Text ein böser Druckfehler untergelaufen, indem es in der Antwort Theophils heißt: Je la (die Definition vom Licht) trouve avec vous fort utile. Erdmann liest schon richtig: fort inutile, was Gerhardts Text bestätigt.
249) in. Buch. K. 4. S. 300. Locke will sagen, daß die untersten Arten, weil sie keine weitere Spe- zifikation zulassen, einer eigentlichen Definition er- mangeln müssen. Man kann z. B. Weiß und Rot unter dieselbe Kategorie (Praedicament) der Farbe bringen, aber innerhalb dieser Kategorie fällt es unmöglich, sie durch eine nähere Bestimmung voneinander zu unterscheiden usw.
250) III. Buch. K. 4. S. 302. Luna ist der alchi- mistische Name des Silbers; die Luna fixa ein an- gebliches Metall, welches die Farbe des Silbers, aber die Schwere und Unverwüstlichkeit des Goldes besitzen soll. Da zur Zeit Boyles das Piatina noch nicht bekannt war, müssen wir annehmen, daß das, was Boyle ge- sehen hat oder gesehen haben will, eine metallische Mischung war.
251) III. Buch. K. 4. S. 303. Leibniz wiederholt hier das im ersten Buche (S. 39 ff.) Gesagte. Die „Ideen" oder Vorstellungen im prägnanten Sinne des Wortes repräsentieren alles Realmögliche. Sie sind in Gott, weil dieser alles Realmögliche in aktueller Vorstellung besitzt. In uns sind sie nur der Möglich- keit nach und treten bei uns nur nach Maßgabe unserer inncrn Entwicklung in Wirklichkeit.
III. Buch. Kap. 5. $5
252) III. Buch. K. 5. S. 304. Leibniz macht hier eine wichtige Bemerkung. Alle Demonstration bezieht sich nur auf das (real) Mögliche und das, was auf logische Weise aus demselben erschlossen, insofern denknotwendig ist; die Wirklichkeit oder das Tatsäch- liche dagegen kann nur historisch oder erfahrungs- mäßig, nicht aber philosophisch erkannt werden. (Vgl. oben S. 9, Anm. 8.)
253) ni. Buch. K. 5. S. 304. Unter der römischen Versiira (wörtlich : Wechsel) ist diejenige Operation zu verstehen, bei welcher man, um eine Schuld zu zahlen, neues Geld borgt, also nur den Gläubiger wechselt. — Corhan bedeutet ursprünglich Opfer, dann aber Heiligung oder Bann als Wirkung des Opfers. (Man vgl. Fl. Josephus Contra Äpionam, L. I. K. 22. p. 453
ed. Huds. Kogßav Soxog' ix zfjg 'Eßgalcov ftei^egfitjvevo' Hevog öiaXixTov: diöoov ßeov.)
254) III. Buch. K. 5. S. 305. Der Vers (Horaz' Briefe Bd. II. 1. v. 47) kann etwa übersetzt werden: Bis er bei stets abnehmendem Haufen geschlagen ver- stumme.
255) III. Buch. K. 5. S. 307. Die Bedeutung der hier besprochenen Termini: im Englischen idea, notion ; im Französischen idee, mAion ; im Deutschen Idee, Vor- stellung, Begriff, denen man für das Englische und Französische noch „conception" {slus dem hat. conceptiOy ronccptus) hinzufügen könnte, ist nach den Zeiten wechselnd gewesen oder von verschiedenen erkenntnis- theoretischen Standpunkten aus verschieden gefaßt worden. Das Wort idca und idee hat im Englischen und Französischen einen viel weiteren Umfang der Bedeutung, als „Idee * für den wissenschaftlichen Ge- brauch im Deutschen behalten hat. Bei uns ist „Vor- stellung" der allgemeinste Terminus geworden und drückt noch am meisten die Bedeutung von idea (idee) aus. Unter Begriff {notion, conceptlon) versteht man aber nicht sowohl das Denkbild schlechthin, als die ihrem Inhalt nach logisch definierte Vor- stellung.
Lcibni/, P'rläuterungeii. 6
66 Erläuterung 256—262.
256) III. Buch. K. 5. S. 308. Denn die Tätigkeit wird zuerst aufgefaßt und mittels ihrer die Substanz erkannt und formuliert.
257) III. Buch. K. 6. S. 310. Von diesem soge- nannten Fi'incipium indisceriiibilium ist schon oben die Rede gewesen S. 17. (Vgl. Anm. 23.)
258) III. Buch. K. 6. S. 310. Die Lehre von der Körperlichkeit aller Geister außer Gott hat Leibniz schon S. 19 berührt.
259) III. Buch. K. 6. S. 312. Von dem Stetig- keitsgesetz ist gleichfalls bereits oben die Rede ge- wesen (S. 17, vgl. Anm. 22). Ulrich macht bei dieser Gelegenheit auf einen merkwürdigen Brief aufmerk- sam, in dem Leibniz, an Herrmann schreibend, die Entdeckung der sog. Pflanzentiere voraussagt. (Vgl. Ulrichs Übersetzung T. IL S. 121.) Über die natür- liche Ordnung im Pflanzenreich aber vgl. J. H. Burck- hardi, epist. ad Leibnitium. Wolffenbüttel, 1703.
260) III. Buch. K. 6. S. 313. Horaz' Sat. Buch II, 3. v. 103. Der ganze Vers lautet auf deutsch: Doch kein Beispiel taugt, das den Streit mit Streitigem auflöst.
261) III. Buch. K. 6. S. 315. Leibniz erinnert hier an die sogenannten Kollateraleinteilungen oder Kodivisionen, welche besonders in der Statistik von Wichtigkeit sind. Von neueren Logikern hat darüber unter andern gehandelt Drobisch (Logik, 3. Auflage — Leipzig, 1863 — S. 141 fL)
262) m. Buch. K. 6. S. 317. Die an dieser Stelle nötige Änderung des Raspeschen Textes hat so, wie sie der gegebenen deutschen Übersetzung entspricht, schon die Erdmannsche Ausgabe vorgenommen und Gerhardts Ausgabe bestätigt.
Wenn aber Erdmann kurz vorher gegen Ende von § 13 in dem Satzglied: „quelques alterations ou trans- formations luy puissent arrlver'' statt luy ein qici ge-
III. Buch. Kap. 6. 67
setzt hat, so folge ich mit Aufrechterhaltung des luy dem Raspeschen durch Gerhardt bestätigten Texte in meiner Übersetzung.
263) m. Buch. K. 6. S. 318. Der hier gemeinte August von Sachsen ist der erste dieses Namens, Sohn Heinrichs des Frommen und Bruder Moritzens, der von 1553 — 1586 regierte und mit seiner Gemahlin Anna von Dänemark die Liebe zur Alchimie teilte.
264) III. Buch. K. 6. S. 319. Vgl. oben S. 19 und S. 319 (Anm. 258). Auch vgl. die Briefe 5 und 6 an Des Bosses (Erdm. Nr. LXII. p. 439, 446).
265) III. Buch. K. 6. S. 320. Die Sage von den geschwänzten Menschen, deren Locke hier erwähnt, und der er Glauben beimißt, hat sich bis in unsere Zeit erhalten, wo sie bei fortschreitender Bekannt- schaft mit dem Innern Afrikas (der angeblichen Heimat jener Wesen) endlich zurückzutreten beginnt. Der Ursprung davon geht auf Erzählungen solcher Neger zurück, welche dergleichen mit Haaren bedeckte und mit Schweifen versehene, angeblich vernunftbegabte Wesen gesehen haben wollen, wobei Verwechslungen von menschenähnlichen Affen mit Menschen zugrunde zu liegen scheinen — Verwechslungen, die um so näher liegen, als viele Negerstämme die Affen als vernünftige, aber verwilderte menschliche Wesen be- trachten. Übrigens wird von Dr. Schweinfurth be- richtet, daß einzelne Negerstämme sich Schwänzchen zum Schmuck hinten anheften, welche von fremden Besuchern als natürliche angesehen worden sein mögen.
Über das im Walde gefundene Bärenkind gibt Ulrich in einer Anmerkung (p. 139 — 140) Auskunft, jedoch ohne die Quelle seiner Mitteilungen anzuführen.
266) III. Buch. K. 6. S. 323. Über diesen Punkt hat bekanntlich Ch. Darwin durch sein berühmt ge- wordenes Werk „Über die Entstehung der Arten" ein- gehende Untersuchungen eröffnet, welche mit um so lebhafterem Interesse verfolgt werden, je weniger entscheidende Resultate sie, bis jetzt wenigstens, ge- liefert haben.
5*
68 Erläuterung 267—270.
267) III. Buch. K. 6. S. 323. Der hier erwähnte Kerkering oder Kerkring, welcher als Mitschüler Spinozas im lateinischen Unterricht van der Endes- von des Philosophen Biographen Coler mit der Lebens- geschichte Spinozas in romantischen Zusammenhang gebracht worden ist, als glücklicher Nebenbuhler Spinozas nämlich bei van der Endes Tochter, die Kerkring in der Tat heiratete — hat sich durch mehrere anatomische Werke ausgezeichnet. Zu ihnen gehört die ichnographia dnthropogeniae seu confor- matio foetus ab ovo etc. (Amsterdam, 1671), auf welche Leibniz sich hier beruft.
268) III. Buch. K. 6. S. 323. Diese aus Vergils Georgica (II, v. 325 — 327) entnommenen Verse be- ziehen sich auf den sogenannten iegog ydfxog des Zeus und der Hera, einen hochbedeutsamen Gegenstand der antiken Mythologie, Mystik und Poesie. Von Homer an. dessen vierzehntes Buch der Ilias diesen Mythus in seiner Weise ausführt, wird der letztere vielfach erwähnt und poetisch verwertet. Daher ist denn auch Heynes Vermutung, dai3 jene Vergilverse mit älterea Dichtungen zusammenhangen, wohl plausibel. Die gnostische Sekte der Priszillianer knüpfte an die zi- tierten Verse ein religiöses Dogma, indem sie sie in ihrer Weise deutete. Die Nachricht aber, daß die Priszillianer sich dieser Verse zur Begründung ihrer Häresie und behufs geschlechtlicher Lizenzen bedient haben, stammt aus Hieronymus {Epist. 133 ad Ctesi- phontem, S. 1029 a. des ersten Bandes der Vallarius- schen Ausgabe). Man vgl. auch Bernays „Über die Chronik des Sulpicius Severus" (p. 6).
269) III. Buch. K. 6. S. 323. Leeuwenhoek, der Entdecker der sogenannten Spermatozoen, teilt diesen seinen Fund in einem Briefe an den berühmten Wren mit. Der Brief ist in den „Arcana naturae detecta ab Änt. van Leeuwenhoek. Delphis Bat'\ 1695, 4°, S. 28 und folgende, mitgeteilt.
270) III. Buch. K. 6. S. 325. Hier streift Leibniz den Gedanken der heutzutage allgemein besprochenen
III. Buch. Kap. 6. 69
und von den meisten Naturforschern als wahr an- genommenen Entwicklungstheorie an, welche von der Zeit der alten ionischen Physiologen bis auf Goethe und Lamark und endlich Ch. Darwin in der wissen- schaftlichen Literatur große Verbreitung gefunden hat. Leibniz hält sich, wie man bemerkt, bei seiner Ansicht der Sache in sehr bescheidenen Schranken, welche der Wahrheit näher stehen mögen, als manche Übertreibungen unserer Tage.
271) m. Buch. K. 6. S. 325. Vgl. Descartes'
Epist. L. I. ep. 89 (in der Ausg. v. 1668) S. 292 bis 293; oder (in der von 1692) S. 261.
272) in. Buch. K. 6. S. 326. Maschine bedeutet hier Körper, dem Sprachgebrauch der Cartesianer ent- sprechend.
273) ni. Buch. K. 6. S. 326. Leibniz verteidigt hier die „substantiellen Formen" in einem andern Sinne, als sie von Locke angegriffen worden waren. Die substantiellen Formen im Sinne der alten scholasti- schen Lehre, ein Erbstück der platonischen Ideenlehre, sind die Substanzen zweiter Ordnung, oder die Art- (und Gattungs-)begriffe, deren sich die Aristoteliker bedienten, um dadurch ihre Überzeugung, daß die Wesenheit der Dinge mit der menschlichen Begriffs- welt korrespondiere, auszudrücken. Locke leugnet das Naturgemäße der Art- und Gattungsbegriffe; ihm sind dieselben nur mit mehr oder weniger Willkür voll- zogene Gebilde menschlicher Erfindung. Leibniz aber, der an den Begriff der substantiellen Form ohnehin seine Monadenlehre geknüpft hatte, wie namentlich aus dem ,,Discoiirs de rnetaphysique'^ hervorgeht, faßt sie hier im Sinne seines Systems als sachgemäßen Ausdruck der individuellen Wesenheit der — ersten — Substanz, die sich aus ihrer seelischen Einheit heraus in der ihr proportionalen Mannigfaltigkeit des Körpers (der „Maschine") eben als dessen Form aus- präge, über den Begriff der substantiellen Form im Verhältnis zu dem der Monade und der Materie handelt am eingehendsten G. Hartenstein in seiner Abhandlung
70 Erläuterung 274—277.
„Über Leibniz' Lehre von dem Verhältnis der Monaden zur Körperwelt"'. (Historisch-philosophische Abhand- lungen. Leipzig, 1870, S. 469 ff.)
274) III. Buch. K. 6. S. 328. Fortunius Licetus handelt in seinem Werke de spontaneo viventium ortu (Vicentiae, 1618, fol.) im 28. Kapitel des ersten Buches von allerhand Monstris irtid verv/eist dabei auf seine Schrift de monstrorum caussis, natura et differentiis {Fatavii, 1634. 4.) sowie auf seines Vaters Josef Licetus Dialogus de genüalium usu et dignitate.
275) III. Buch. K. 6. S. 330. AVir halten uns, wie Locke ausdrücken will, bei der Bildung der Vor- stellungen an die Erfahrung und bilden unsere innere Welt im allgemeinen dem nach, was die Natur bietet.
Über den kurz vorher (S. 337) von Leibniz er- wähnten Arzt AUiot handelt die Biographie universelle von Michaud (Paris, 1854, Bd. I. S. 302), in welchem Artikel gleichfalls hervorgehoben wird, daß jener Arzt in dem Rufe gestanden habe, durch ein spezifisches Mittel den Krebs heilen zu können, was ihm aber bei seiner vornehmsten Patientin, der Mutter Ludwigs XIV., Anna von Österreich, nicht gelungen sei.
276) III. Buch. K. 6. S. 330. Man kann, dies will Leibniz sagen, in sich v.'idersprechende Vorstel- lungen leicht zu einem zusammengesetzten Begriff vereinigen, der, wie z. B. „regelmäßiges Dodekaeder", „Größenmittelpunkt des Halbkreises'* von vornherein durchaus verständlich und keineswegs unmöglich zu sein scheint, aber als unmöglich erkannt wird, sobald man die miteinander verbundenen Vorstellungen analj^- siert und deren Inhalt an der Realität mißt.
277) III. Buch. K. 6. S. 341. Leibniz legt das größte Gewicht darauf, daß sein System der prästabi- lierten Harmonie den tatsächlichen, erfahrungsmäßigen Beweis des Daseins Gottes liefere, da aus der Natur der einzelnen Monaden kein zureichender Grund des Zusammenstimmens der Dinge zu einer allgemeinen Weltordnung gewonnen werden könne. Was also die
III. Buch. Kap. 7. 9. 71
Vernunft in dem von ihm verbesserten ontologischen Argument an die Hand gebe, werde durch die ver- gleichende, zusammenfassende Betrachtung der Natur- erscheinungen bestätigt.
278) III. Buch. K. 7. S. 343. Es ist damit das aus einem Konsonanten bestehende Umstandswort b gemeint.
279) III. Buch. K. 7. S. 343 Dieses mehrfach herausgegebene Buch Joh. Strauchs (1612 — 1G80), Professors von Leipzig, Jena, Gießen, Leibnizens Oheims von mütterlicher Seite, hat den Titel: Lexicon particularum juris s. de usii et efficacia quorundam syjicategorematum et particularum indeclinabilium. Über Leibnizens persönliche Beziehungen zu Strauch vgl. Guhrauer, G. E., Biogr. L.s, T. L, S. 35 ff.
280) in. Buch. K. 7. S. 343. Bohlius, Sam. (1611 bis 1639), Professor in Rostock, der sich um das Studium des Hebräischen in Deutschland sehr verdient gemacht hat, wird von Leibniz wegen seiner Arbeiten über die Lehre von den hebräischen Vokal- und Akzent- zeichen erwähnt (Dutens V. S. 190).
281) m. Buch. K. 9. S. 350. Das Werk Ebn Bitars oder Ibn Beithars — größtenteils noch un- gedruckt — einen geringen Bruchteil desselben gab Fr. R. Dietz im Jahre 1833 zu Königsberg heraus — ist eine materia medica, welche sich auf Dioscorides stützt und das Buch des griechischen Arztes größten- teils in sich fassen soll, außerdem aber allerhand Zu- taten aus andern Quellen mit enthält. Leibniz mag auf die von ihm gemachte Bemerkung, wie Joh. Gilde- meister vermutete, durch des Cl. Sabnasius den Excr- t'itationes Plinianae angehängten exercitationes de homonymis hj/les iatricac (Trajecti, 1689. P. 104. a. B. IIÖ. a. A.) geführt worden sein, wo verschiedene Angaben des l3ioscorides aus Ebnbitar verbessert werden.
282) III. Buch. K. 9. S. 350. Der hier erwähnte Reinesius, mit Vornamen Thomas, ein älterer Zeit-
72 Erläuterung 283—286.
genösse Leibnizens, zuletzt in Leipzig domiziliert und dort 1667 gestorben, hat in seiner literarischen Tätig- keit allerdings mit naturhistorischen und medizinischen Büchern begonnen und ist von da zu philologisch-anti- quarischen Arbeiten übergegangen.
283) III. Buch. K. 9. S. 351. Vgl. besonders das sechste Kapitel dieses Buches.
284) III. Buch. K. 9. S. 354. Hier spielt Leibniz auf seinen Plan der Gründung einer sogenannten all- gemeinen Charakteristik oder philosophischen Sprache {specieuse generale) an, worüber Kern, Neff und be- sonders eingehend Trendelenburg gehandelt haben. Im vierten Buche kommt Leibniz wiederholt auf diese Angelegenheit, die ihm sehr am Herzen lag, zurück. Trotz langjähriger Aufmerl^amkeit auf diesen Gegen- stand und trotz Vorarbeiten allerart brachte Leibniz sein Vorhaben jedoch nicht zur Ausführung.
285) III. Buch. K. 10. S. 358. Leibniz denkt hier an die sogenannten Symbola des Pythagoras, deren Charakteristisehes darin bestellt, mit dem Gebote oder Verbote einer verhältnismäßig gleichgültigen äußern Handlung eine sittliche Vorschrift zu verbinden. Solche Symbole sind: ,, Trage das Bild des Gottes nicht im Fingerringe", „Schüre das Feuer nicht mit dem Schwerte", „Opfere und bete barfüßig" (vgl. Gött- lings gesammelte Abhandlungen, Halle, 1851, Bd. I. S. 278 ff.). Ähnliche symbolische Vorschriften finden sich bei den Indern und andern Orientalen.
286) III. Buch. K. 10. S. 358. So wenig Leibniz mit gewissen ungehörigen Spitzfindigkeiten der Schul- philosophie einverstanden ist, läßt er es sich doch angelegen sein, die formale Logik gegen Angriffe in Schutz zu nehmen, wie Locke deren nicht spart. Außer verschiedenen Protesten, die unser Werk enthält, ist in dieser Hinsicht besonders ein längerer Brief Leib- nizens an Gabriel Wagner vom Jahre 1696 merkwürdig, den Guhrauer (L.s deutsche Schriften, Bd. L, Berlin, 1838, S. 374—393) und Erdmann (Opera l. P. 418 bis 426) geben.
m. Buch. Kap. 10. 73
287) III. Buch. K. 10. S. 359. Die intentioneilen Spezies der Scholastik — ein Ausdruck, dessen sich besonders Thomas von Aquino und seine Schule be- dienen — bedeuten die Formen oder Abbilder der Gegenstände, welche von diesen ausgehend, nach der Ansicht jener Scholastiker die sinnliche Empfindung der äußern Dinge verursachen. Sie sind nicht als die natürlichen Formen der Dinge, sondern nur als stell- vertretende Formen oder Bilder zu betrachten, welche den Zweck oder die Richtung (intenfionem) haben, auf die Sinnlichkeit zu wirken, woher ihr Name stammt. Den species intentionales entgegengesetzt sind die spe- cies reales, die wirklichen Formen der Dinge. Diese An- sicht vom Zustandekommen der sinnlichen Empfindung geht übrigens auf Aristoteles zurück, dessen im zweiten Buche von der Seele vorgetragene Lehre dadurch nur erweitert wird. Die Erläuterung des Ausdrucks species intetitionalis gibt u. a. Renz, riiilosophüi Aristotelica-Thomistica (Augustae et Lincü, 1740 und folgende), T. III. p. 165. A. : Fer speciem — nihil aliud intelligendum — quam qualiiatem aliquam in- tentio)ialem repraesentatiiYun objecti etc.
288) III. Buch. K. 10. S. 360. Das hylarchische Prinzip, dessen Leibniz hier erwähnt, wird von Morus auch als Spiritus naturae bezeichnet und soll, ähnlich wie der Archeus der Alchimisten, das Prinzip der Be- wegung und Sympathie der Wesen sein. Es ist davon besonders in H. Morus' {Opera omnia Londini, 1679 und folgende) Enchiridion wetaphysicum die Rede, zumal im Schol. z. Kap. XIII., Sekt. 4. (a. a. 0. T. I. S. 222 ff.). Die gleich darauf erwähnten Fahrzeuge sind die Ätherhüllen der Geister. Vgl. a. a. 0. T, II. S. 379, den Tractatus de immortalitatc animae L. III., Axiomn 31 usw.
289) III. Buch. K. 10. S. 361. Die Hauptstelle über die Trägheit des Körpers, auf welche Leibniz sich hier zu beziehen scheint, findet sich in der Schrift de ipsa natura § 11 (Erdm., Opp. L. p. 154; Dutens, Tom. IL P. IL p. 54). Leibniz, den von Kepler auf- gebrachten Begriff der Trägheit der Materie anneh-
74 Erläuterung 290—292.
mend, weist nach, daß das Wesen der Materie nicht in der Ausdehnung liegen könne, sondern in einer Widerstandskraft (und Undurchdringlichkeit) bestehe, welche sich darin zeigt, daß, um einen ruhenden Körper in Bewegung zu setzen, eine entsprechende Kraft — abgesehen von der Schwere — erfordert wird. (Vgl. Dutens, Tom. II. P. I. 235. Ebd. P. 198.)
290) III. Buch. K. 10. S. 365. Mit diesen sog. Perlen hat sich besonders der belgische Mathematiker Slusius oder Sluzius (Sluze) beschäftigt. Vgl. Buch IV. c. 7. § 4. (S. 449).
291) III. Buch. K. 10. S. 368. Je schärf er Leibni& seinen (Gegner in vielen Punkten bekämpft — jedoch immer dabei des Sprichwortes fortiter in re, leniter in modo eingedenk — desto geneigter ist er, demselben da Lob zu spenden, wo er das Rechte getroffen zu haben scheint und Lob verdient. So hier bei Gelegen- heit seiner Rüge derjenigen Beredsamkeit, welche, wie bei den Sophisten, dazu dient, die Dinge in falschem Lichte zu zeigen oder gar in ihr Gegenteil zu ver- kehren. Dabei nun vergleicht Leibniz die zugleich klare und eindringliche Schreibweise Lockes mit der Venus Urania, den in unechtem Schmuck einherschrei- tenden Stil der Sophisten mit der Venus Pandemos. — Der Mythus von diesem Gegensatz der beiden Huld- göttinnen ist übrigens späteren Ursprungs, indem in dem Begriff der einen Aphrodite, die ursprünglich eine alles erzeugende Naturmutter gewesen war, die irdische, sinnliche Seite von der himmlischen und all- gemeinen geschieden ward. (Plato im Gastmahl, S. 180. Pausan. X. 6. 2.)
292) III. Buch. K. 11. S. 372. Über das mathe- matische Genie Frenicles de Bessy, des Bruders des Poeten Nicolas Frenicle, äußert der berühmte Mathe- matiker Fermat sich so, daß er ihn über Descartes setzt. Frenicle wurde 1666 Mitglied der Pariser Academie des sciences und starb 1673. Autor mehrerer Werke, die Leibniz kannte und benutzte, wird er als- Vorgänger Lagranges und Eulers betrachtet. Con- dorcet hat sein eloge geschrieben.
III. Buch. Kap. 11. IV. Buch. Kap. 1. 75
293) III. Buch. K. 11. S. 373. Solche Wörter- bücher, wie Leibniz hier auf die Autorität Grimaldis erwähnt, existieren in der Tat bei den Chinesen und sind auch nach Europa gebracht worden, wie z. B. die Bonner Universitätsbibliothek ein paar Teile eines solchen besitzt. Man muß sich dieselben als einen alphabetisch geordneten Orhis pictus denken. Was Grimaldi anbetrifft, so hatte Leibniz diesen in Wien kennen gelernt, trat mit ihm in Korrespondenz und empfing von ihm, nachdem derselbe nach Peking zum Vorsteher der Sternwarte und des chinesischen Kalenderwesens berufen worden war, viele interessante Mitteilungen.
294) IV. Buch. K. 1. S. 374. Während Locke sich bei der Bestimmung des Begriffs der Erkenntnis im wesentlichen an die aristotelische Erklärung hält, daß die Wahrheit (als Gegenstand oder Ziel des Er- kennens) in der — angemessenen — Verbindung oder Trennung der Vorstellungen — in einem Urteile — bestehe, will Leibniz die Sache allgemeiner gefaßt wissen und behauptet, die Erkenntnis beziehe sich auch auf die Vorstellungen als solche, ehe man zu Wahrheiten d. h. dem Sachverhalt entsprechenden Verknüpfungen von Vorstellungen komme. Soll eine Vorstellung als solche Erkenntnis gewähren, so ver- steht es sich, daß in ihr ein Inhalt mitgedacht sei, welcher sich mittels einer oder mehrerer Definitionen entwickeln läßt. Insofern läuft doch wieder die von Leibniz ausgedrückte Meinung auf das hinaus, was Locke und vor ihm Aristoteles aufgestellt haben. — Daß ferner Wahrnehmungen und Beobachtungen in der Tat das reichste Material der Erkenntnis gewähren, ehe es zu förmlichen Urteilen kommt, ist selbstver- ständlich, darum sind aber Wahrnehmungen als solche noch nicht Erkenntnisse im eigentlichen Sinne des Wortes.
295) IV. Buch. K. 1. S. 375. Leibniz denkt dabei zunächst wohl an den schon oben zitierten, von ihm geschätzten und viel studierten J. H. Aisted, in dessen Systema logicae harmonicum (Herbonae, 1614) P. 69
76 Erläuterung 296—300.
dskS argumentum eingeteilt wird in argumentum simTplex (welches Leibniz theme incornplexe nennt) und in argu- mentum complexum. Jenes ist nach Aisted ein „terminus extra omnem dispositionern dirigens materiam" (Leibniz sagt: une chose ou idee)^ dies ist eine „definitio et distributio'' (Leibniz sagt: une these, proposition ou verite). Vgl. Aisted, p. 261.
296) IV. Buch. K. 1. S. 375. Deseription, Be- schreibung, ist hier im Sinne der Nominaldefinition zu nehmen, welche auch das Realunmögliche zuläßt.
297) IV. Buch. K. 1. S. 375. T. J. Ganzarini, genannt il Scandianese von seinem Geburtsort Scan- diano, lebte von 1518 — 1581 und ist Verfasser mittel- mäßiger Lehrgedichte, in denen er sich mehr durch Erudition, als poetisches Talent auszeichnet. Über ihn handelt u. a. Tiraboschi in der Biblioteca Modenese T. V.
298) IV. Buch. K. 1. S. 376. Lucians „wahr- hafte Geschichte" ist eines der geistreichsten Werke des witzigen Satirikers. Bestimmt, die phantastischen, lügenhaften Darstellungen der späteren griechischen Historiker zu persiflieren, ist sie zahlreichen Neueren zum Vorbild poetischer Schöpfungen geworden. Auf Cyrano de Bergerac und Swift z. B. hat Lucians Werk unzweifelhaft anregend gewirkt.
299) IV. Buch. K. 1. S. 377. Leibniz reduziert also die von Locke vorgeschlagenen vier Arten der Übereinstimmung resp. Nichtübereinstimmung auf zwei, nämlich auf die Vergleichung und den Zusammenhang (concours). Die Relation wird dabei von Leibniz ver- allgemeinert und die Existenz als Zusammenhang des Objekts mit dem (sich selbst als real vorstellenden) Ich betrachtet. Das letztere erklärt sich einfach aus der von Leibniz gemachten Voraussetzung einer prä- stabilierten Harmonie der Dinge, mit der die Korre- spondenz des vorstellenden Ich und der von ihm vor- gestellten Gegenstände gegeben ist.
300) IV. Buch. K. 1. S. 381. Joh. Scheubelius, nach Jöcher „ein Professor Matheseos zu Tübingen
III. Buch. Kap. 2. 77
in der Mitte des 16. Seculi", gab Euclidis sex libros primos de geametricis principiis gr. et lat. cum com- mentario zu Basel im Jahre 1590 heraus.
Mit dem zugleich erwähnten Herlin scheint ein sonst ziemlich unbekannter Zeitgenosse Leibnizens ge- meint zu sein. Leibniz erwähnt ihn auch gegen den Schluß seiner „Meditatioties de cognitioiie etc." (Erdm. Nr. IX) zusammen mit Dasypodius als Herausgeber des Euklid.
301) IV. Buch. K. 2. S. 383. Beim sogenannten indirekten Beweise nämlich, welcher das kontradik- torische Gegenteil des zu Beweisenden — einstweilen
— annehmend, aus der gefundenen Unmöglichkeit dieser Annahme — mittels des Satzes vom Widerspruch
— auf die Richtigkeit der zu beweisenden Thesis schliei3t.
302) IV. Buch. K. 2. S. 385. Die Beurteilung der Richtigkeit der Schlüsse nach den Modi der drei letzten Figuren ist durch Reduktion derselben auf die erste Figur meistens nur schwer zu erreichen; es ist daher vorzuziehen, sich an die in den Vordersätzen ge- gebenen Begriffsverhältnisse oder an die aus den logischen Grundprinzipien folgenden Prinzipien der- selben zu halten.
303) IV. Buch. K. 2. S. 385. Die von Leibniz gemeinten Bemerkungen Pierres de la Ramee gegen die aristotelischen Schullogiker finden sich in ,,Petri Rami Animadversiones Aristotelicae, L. XX., Lutetiae, 1548" S. 388 ff.
304) IV. Buch. K. 2. S. 387. Leibniz wußte also bereits, daß Descartes' erste Gewißheit, welche als solche den Ausgangspunkt alles übrigen Wissens bildet, schon in Augustins Schriften vorkommt. So, um nur eine Stelle anzuführen, aus den Solil. IL 1. : Tu qul scis te nosse, scis te esse ^ Scio ! Unde scis? Ncscio ! Simplicem te sentis an nniUiplirew ? Nescio ! Cogitare te scis? Scio I Mit dem Wissen vom Cogitare ißt also das Wissen vom Esse gegeben.
78 Erläuterung 305—309.
305) IV. Buch. K. 2. S. 390. Die Methode der Ausschließung oder Elimination geht von einem dis- junkten Urteil aus, dessen Prädikat mit der Summe seiner Teilungsglieder alle überhaupt möglichen Be- stimmungen des Subjekts erschöpfend umfaßt. In- dem nun nachgewiesen wird, daß einzelne der Teilungs- glieder nicht mit dem Subjekte zu einem kategorischen Urteil verbunden werden dürfen, bleibt als wirkliches Prädikat zur gültigen Bestimmung des Subjekts nur dasjenige zurück, dessen Trennung vom Subjekt nicht zu. vollziehen ist. Z. B. A ist B oder C oder D oder E. Hier müssen B, C, D, E alle überhaupt denkbaren Prä- dikatsbestimmungen von A umfassen. Bei der Frage nun: Ist A, B oder C oder D oder E, wird zunächst nachgewiesen, daß A>C, A>>D, A>E ist. Dann muß A ^ B sein. Oder daß A > B >> D > E ist, woraus zu schließen, daß es = C ist. Oder A ist >> B >> C > E, also = D; oder endlich A>B>C>D, also=:E.
306) IV. Buch. K. 2. S. 390. Der Satz, daß jeder Schluß aus schon Bekanntem und Zugestandenem her- vorgeht, beruht auf der fast gleichlautenden Erklärung des Aristoteles in dessen Analytica Fosteriora (L, 1. p. 71. A. ed. Bekker). Alles vernünftige Lernen, so heißt es dort, geschieht aus einem vorher vorhandenen
Wissen (ix :JOOVJiaoyovor]g yvcboECog).
307) IV. Buch. K. 2. S. 392. Vermutlich meint Leibniz die Fraefatio in tertium librum elegantiarum (In der Aldina des Jahres 1536, pag. 60 v.), wo dem Stil der römischen Juristen das ausgiebigste Lob ge- spendet wird. Ganz ähnlich wie hier drückt sich übrigens Leibniz auch sonst noch aus, wie z. B. in einem Briefe an Kestner (Nr. XV. bei Kortholt Bd. IV. p. 257).
308) IV. Buch. K. 2. S. 392. Diese Verse sind aus dem sechsten Buche der Aeneis Vergils (851 — 853) entnommen.
309) IV. Buch. K. 2. S. 392. Bei Leibniz, der in seiner Jugend den Aristoteles und später auch Plato
IV. Buch. Kap. 2. 79
SO gründlich studiert hatte, muß diese Äußerung wundernehmen. Bei beiden alten Philosophen finden ^ich Beweisführungen, welche der Präzision der Pan- dekten sicherlich nichts nachgeben. V/as Leibniz von Proclus sagt, hat freilich seine Richtigkeit, und doch ist auch bei diesem die Konsequenz des dialektischen Prozesses so groß, daß man sehr wohl auch ihm eine durchgeführte Methode zusprechen darf.
310) IV. Buch. K. 2. S. 393. Im Text: Succe- daneum, ein zwar bei den altern Lateinern schon vor- kommender, besonders aber bei den spätem römischen Juristen gebrauchter Ausdruck. Succedaneum bedeutet, was an Stelle eines anderen eintritt.
311) IV. Buch. K. 2. S. 394. Wie Leibniz angibt, definiert Aristoteles in der Topik, gleich zu Anfang des ersten Buches, das tvdo^ov als das, was ,, allen oder den meisten oder den Philosophen" als wahr erscheint und von diesen letzteren wieder allen oder den meisten oder den bekanntesten und angesehensten. Ein bindender Schluß ist demgemäß daraus nicht her- zuleiten.
312) IV. Buch. K. 2. S. 394. Quodlibet (davon abgeleitet Quodlibeta, Quodlibetae oder Quodlibetaria'' quaestioncs) ist ursprünglich ein Ausdruck der Schola- stik und bezieht sich auf das, was „nach Belieben" — quod libet — bestritten oder verteidigt werden kann, also mehr zur Befriedigung der Neugierde, als zum Nutzen dient. Daraus stammt denn der französische Ausdruck Quodlibet, welcher einen witzigen, wenn auch nicht immer zutreffenden Gemeinplatz bedeutet, welche Bedeutung des Wortes Leibniz hier wohl zu- nächst im Auge gehabt hat, da er es mit proverbcs (Sprichwörter) verbindet.
313) rV. Buch. K. 2. S. 394. Über den Ursprung der Wahrscheinlichkeitsrechnung und Leibnizens An- teil an der Förderung derselben durch Bernoulli, den eigentlichen Gründer dieser Disziplin, vgl. den dritten Brief an Bourguet (Erdm. Xr. XCI. p. 723). Auch bei
80 Erläuterung 314—316.
Gelegenheit des „calculus pJiilosophiais'' (Erdm. Nr. XL p. 84) kommt er auf die Genesis und Stellung der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu sprechen. Auch vgl. Buch IL K. 2L S. 198. Anm. 151.
314) IV. Buch. K. 2. S. 396. Simon Foucher (1644 — 1696), dessen Korrespondenz mit Leibniz eine Fülle philosophischer Erörterungen bietet, folgte der Denkweise der Akademiker und stellte dieselbe in mehreren Schriften dar. Das von Leibniz angeführte Werk: Critique de la recherche de la verite erschien 1675 und wurde von Desgabets wiederum angegriffen. Am vollständigsten gab die bis dahin nur sehr fra- gmentarisch bekannte Korrespondenz Fouchers mit Leibniz Graf Foucher de Careil in den Lettres et opuscules inedits de Leibniz (Paris, 1854), p. 27 bis 131; nunmehr aber Gerhardt, in Bd. L S. 363—427 seiner Leibnizausgabe. (Vgl. Introduktion p. 22 — 41, wo der Kontroverse über Malebranche eingehend ge- dacht wird.)
315) IV. Buch. K. 2. S. 397. Leibniz berührt hier einen wichtigen Punkt der Erkenntnislehre, die Evidenz des sinnlichen Erkennens. Die Gewähr der Richtigkeit findet Leibniz bei dem letzteren in dem „Zusammen- hang der Erscheinungen", wodurch die größtmögliche Gewißheit erlangt werde. Wenn nämlich die Erschei- nungen immer und immer wieder in gleicher Weise auftreten und in gleicher Weise einander folgen, so gewinnen sie für uns den Charakter der Objektivität, dergestalt, daß selbst aus dem Eintreten der einen Erscheinung das zukünftige Eintreten der andern sich voraussagen läßt. Hume sprach daher von dem Prin- zip der Gewohnheit als dem Kriterium der Wahrheit bei der Erkenntnis von Tatsachen. Leibniz fügt hinzu, daß die Vernunftwahrheiten, namentlich die Anwen- dung der logischen Grundsätze zur Erfahrungskonse- quenz hinzukommen müssen, um die Gewähr der Rich- tigkeit sinnlicher Erkenntnisse zu gewähren.
316) IV. Buch. K. 3. S. 399. In dem von Leibniz hier gebrauchten interessanten mathematischen Bei-
IV. Buch. Kap. 3. 81
spiele wird es sich empfehlen, statt „Quadratlinie'* den bei den Mathematikern gebräuchlicheren Aus- druck „Quadratrix" beizubehalten. Zur Sache werde bemerkt, daß die unendliche Zahlenreihe, von der Leibniz hier spricht, seine eigne Reihe ist
f V = 1 — Vs -r V5 — Vt -r V9 j die er schon vor
seiner Bekanntschaft mit Huygens und also vor Ent- deckung der Infinitesimalrechnung gefunden hat. Das Problem aber, von dem er spricht, ist die auf die Quadratur des Kreises sich beziehende damals noch ungelöste Frage, ob man die Zahl n- als Wurzel einer Gleichung darstellen könne. Er macht dabei den Unter- schied zwischen einer algebraischen und einer — wie man jetzt sich ausdrücken würde — transzendenten Gleichung, über diesen Punkt und Leibnizens Stellung zu dem Problem handelt, ohne übrigens gerade die vorliegende für die Geschichte der Mathematik nicht unwichtige Stelle zu berücksichtigen, in einer vor- trefflichen und durch Verständnis der Eigentümlich- keiten der Denkweise Leibnizens ausgezeichneten P'est- rede am Leibniztage Kummer (Monatsberichte der Pr. Akademie der Wiss. Juli 1867, S. 387 ff.).
Jetzt steht die Sache so, daß man erkannt hat, .-r könne nicht die Wurzel einer quadratischen Gleichung sein, daß also die „Konstruktion mit Zirkel und Lineal" nicht ausgeführt werden könne, aber daß wir auch nicht nachzuweisen vermögen, ob nicht n etwa die Wurzel einer höheren Gleichung sei.
317) IV. Buch. K. 3. S. 401. Leibniz hat bereits im Vorwort (S. 22, vgl. Anm. 28) darauf hingewiesen, daß Locke jene von ihm als möglich aufgestellte Meinung, wonach die Materie solle denken können, später desavouiert habe. Für Leibniz existiert übrigens die ganze Frage darum nicht, weil er die Materie für eine bloße Erscheinung, nicht für etwas Wirkliches hält.
318) rV. Buch. K. 3. S. 406. Das im franzö- sischen Texte von Leibniz gemachte anmutige Wort- spiel („Ir hon plaifiir ne seroit pas meme hon, ni plaisir'^) konnte im Deutschen leider nicht wiedergegeben werden.
Leibniz Erläaterunpen. 6
82 Erläuterung 317—323.
319) IV. Buch. K. 3. S. 409. Das jus accrescendi, auf deutsch wörtlich: Recht des Zuwachsens, kommt im römischen Erbrecht vor und besteht darin, daß bei einem Erbfall der (z. B. durch inzwischen erfolgten Tod herbeigeführte) A.usfall eines Miterben für die übrigen Erben den Vorteil herbeiführt, daß der dem ausfallenden Erben zugedachte Teil der Erbschaft pro rata unter sie verteilt wird und ihnen also dadurch zuwächst.
320) IV. Buch. K. 3. S. 409. Leibniz erinnert an seine unter dem Präsidium L. Swendendörfers im Jahre 1665 zu Leipzig verteidigte Thesis de conditionibus.
321) IV. Buch. K. 3. S. 410. Die ars comhinatoria (bei Erdmann Nr. II. p. 6) erschien 1666; der von Leibniz erwähnte Nachdruck ist zu Frankfurt im Jahre 1670 in 40 herausgekommen und charakterisiert sich als solcher schon durch den Titel, der den Namen des Verfassers falsch wiedergibt. — Auch in seinen Briefen kommt Leibniz öfter auf die ihm durch diesen Nach- druck widerfahrene Unbill zurück.
322) IV. Buch. K. 3. S. 410. Erhard Weigel (1625 — 1699), Leibnizens erster Lehrer in der Mathe- matik, als dieser 1663 in Jena studierte, hat besonders in dem 1674 ebendaselbst erschienenen Werke „Arith- metische Beschreibung der Moralweisheit von Personen und Sachen, woraus das gemeine Wesen besteht, nach der pythagorischen Kreuzzahl in lauter tetraktische Glieder eingeteilt," aber auch in andern seiner zahl- reichen Bücher den Versuch gemacht, in Anknüpfung an den Gedanken der Pythagoreer, daß die Zahlen das Wesen der Dinge ausdrücken, die Moralphilosophie mathematisch darzustellen.
323) IV. Buch. K. 3. S. 410. Die 1660 zu Jena bei Meyer erschienene Ausgabe dieses bekannten und seiner Zeit berühmten Buches wird von Leibniz ge- meint sein. In der zweiten Jenenser Ausgabe vom Jahre 1669 kommt die Sphaera moralis p. 313 vor.
IV. Buch. Kap. 3. 83
324) IV. Buch. K. 3. S. 411. Der Plan, die Wis- senschaft des Beweisveriahrens zu erweitern, hängt wohl mit der allgemeinen Charakteristik (vgl. oben S. 364, Anm. 284) zusammen, ist aber nicht mit ihr identisch. Wie aus der vorliegenden Stelle hervor- geht, ging Leibniz auch damit um, diesen Teil der Logik, die Methode des Beweises, welche ihm bisher zu einseitig im Sinne des mathematischen Verfahrens gefaßt worden zu sein schien, zu vervollkommnen. Darauf deutet auch ein von Erdmann in den Opera philos. unter Nr. LIII. p. 165 — 171 abgedruckter, französisch geschriebener Aufsatz, der, bis dahin un- bekannt, aus der handschriftlichen Nachlassenschaft Leibnizens hervorgezogen worden ist und nach Erd- mann der späteren Lebenszeit des Philosophen ange- hörig, die Überschrift: Freceptes pour avancer les sciences trägt. Zur Ausführung auch dieses Planes ist aber L. nicht gekommen.
325) IV. Buch. K. 3. S. 415. Die Anwendung der Infinitesimalrechnung auf die Physik geschah zuerst auf systematische Weise durch Newton in dessen Principia philos. natur., nachdem Galilei schon vorher durch die richtige Bestimmung des Fallgesetzes den Anfang zu der bahnbrechenden Benutzung der Mathe- matik für die Naturwissenschaft gemacht hatte.
326) IV. Buch. K. 3. S. 417. Maurolyco, ein ita- lienischer Mathematiker griechischer Abkunft, dessen auch Descartes in seinen Briefen erwähnt, lebte von 1494 — 1575. Das Werk desselben, auf das Leibniz hier anspielt, sind die Probletnata ad perspertivam et iridem pertinoitin, welche den theorcmata df lumine et umhra angehängt sind und zuerst 1575 erschienen.
M. Ant. de Dominis, ein Dalmatier, von 1566 bis 1624, Theolog, Historiker und Naturforscher, schrieb de radiis visus et lucis in vitris perspcctivis et in iride, Venedig, 1611. Da er sich der päpstlichen Suprematie ungünstig geäußert hatte, wurde er als Ketzer verdammt und sein ausgegrabener Leichnam auf dem Campo de'Fiori in Rom verbrannt, obgleich er sich doch schon bei Lebzeiten der römischen Kirche
6*
84 Erläuterung 324—330.
unterworfen hatte. Über ihn äußert sich Leibniz in den von Feller herausgegebenen Miscellanea (Nr. CXV. p. 198) folgendermaßen : Elegantissime materiam trac- tavit demonstrationibusque mathernaticis confirmavit, Iridis etiam et nonnullorum aliorum ejusmodi meteo- rum causam ab Aristotele assignatam rede expendit. Auf beide Männer fußte Descartes und diesem folgend Spinoza.
327) IV. Buch. K. 3. S. 417. Der angezogene Brief ist in der Sammlung der Briefe des Bonifacius der 140ste (Max. Bibl. Patr. Tom. XIII., p. 131 bis 133). Darin bezeichnet es der Papst Zacharias als eine verkehrte und falsche Lehre, daß eine andere Welt und andere Menschen unter der Erde (sub terra) seien. Charakteristisch ist die von dem Jesuiten N. Serarius zu dieser Stelle gemachte Schlangenwindung, worin er die Fehllosigkeit des päpstlichen Ausspruchs zu verteidigen sucht. (Ebd. p. 157.)
328) IV. Buch. K. 4. S. 419. Vgl. Anm. 315 zu Kap. 2. S. 407. Leibniz hat begriffen, daß man mit der alten Definition der Wahrheit, wonach dieselbe in der Übereinstimmung des Denkens mit der Wirk- lichkeit besteht, vom philosophischen Standpunkte aus sich nicht begnügen könne.
329) IV. Buch. K. 5. S. 423. Levinus Lemnius erzählt diese wunderliche Geschichte, die er selbst er- lebt haben will, bei der indessen eine Täuschung unter- gelaufen sein muß, in dem Buche de miraculis occultis naturae L. I. c. 8. p. 72 der Jenaischen Ausgabe.
330) IV. Buch. K. 5. S. 426. Leibniz will sagen : Nach der gewöhnlichen richtigen Ansicht bezieht sich die Wahrheit nicht sowohl auf einzelne Vorstellungen, als auf deren Verbindungen zu Urteilen oder Sätzen (vgl. Aristoteles, de Interpret, c. 1. p. 16. A. 22 ed. Bekker; de anima c. 3. p. 430. A. 27). Indessen kann auch bei bloßen Vorstellungen von Wahrheit und Falschheit gesprochen werden, wenn dabei von der realen Möglichkeit oder Unmöglichkeit des bezeich-
IV. Buch. Kap. 6. 7. 85
neten Dinges die Rede ist. So könnte man die Vor- stellung eines Dreiecks mit zwei rechten Winkeln (eines doppeltrechtwinklichen Dreiecks) allenfalls eine Unwahrheit nennen, weil ein solches Dreieck unmög- lich ist. Das ist dann, wie Leibniz am Schluß des Kapitels richtig bemerkt, im Grunde nur eine Brevilo- quenz; es muß also sein Bewenden dabei haben, daß das Prädikat der Wahrheit und Falschheit eigentlich nur Urteilen oder Sätzen zukommt. Sogenannte „wahre" und „unwahre" Vorstellungen muß man daher immer als abgekürzte Sätze fassen.
331) IV. Buch. K. 6. S. 426. Über die Universal- sprache oder Charakteristik vgl. oben S. 364 und Anm. 284.
332) IV. Buch. K. 6. S. 427. Damit ist also etwas Ähnliches gemeint, als was heutzutage mit dem Aus- druck „Rebus" bezeichnet wird. Die ältesten Schrift- zeichen in der Alten und Neuen Welt, deren Ursprung wahrscheinlich an die Tätowierung sich knüpft, waren dieser Art, bis in der sogenannten Hieroglyphik der Ägypter und der sumerisch-babylonischen Keilschrift der Übergang zu Buchstabenzeichen gemacht wurde.
333) IV Buch. K. 6. S. 434. Der Vers stammt aus dem terentianischen Eunuchus, Akt I. Sz. I. v. 17—18.
334) IV. Buch. K. 6. S. 436. Der Unterschied der metaphysischen und der physischen Gewißheit knüpft sich bei Leibniz an den der Vernunftwahrheiten und der tatsächlichen Wahrheiten an. Letztere lassen ihr Gegenteil als möglich zu, erstere nicht. Daher beruhen die Vernunftsvahrheiten auf der Denknot- wendigkeit und sind von absoluter Gewißheit; die letzteren beruhen auf der göttlichen Wahl des Besten und sind von nur relativer, mit Hilfe der Erfahrung festzustellender Evidenz und von hypothetischer Not- wendigkeit. Vgl. oben S. 165. Anm. 131.
335) IV. Buch. K. 7. S. 437. Es ist dies ein Lieb- lingsgedanke Leibnizens, die Beweisbarkeit der Axiome
86 Erläuterung 331—339.
ZU betonen, auf den er wie in den neuen Abhandlungen so auch in anderen Schriften öfters zurückkommt. Die Auflösung des gesamten Inhalts des Bewußtseins in möglichst einfache und evidente Wahrheiten ist in der Tat das Streben jeder tieferen Spekulation.
336) IV. Buch. K. 7. S. 437. Proklus zitiert den Milesier Thaies in seinem Kommentar zum Euklid prop. XV. theor. VIII. {ex recogn. G. Friedlein p. 299.). — Roberval (1602 — 1675), ein ausgezeichneter Mathe- matiker und Physiker zu Paris, Nebenbuhler Descartes', Freund Mersennes und Morins, war schon in den sieb- ziger Jahren seines Lebens, als Leibniz nach Paris kam und ihn kennen lernte.
337) IV. Buch. K. 7. S. 437. Mit den „Neuen Elementen" ist ein Werk des als theologischen Pole- mikers bekannten Antoine Arnauld gemeint, das heut- zutage wenig gekannt und zitiert wird. (Vgl. Michaud, Biogr. Univ. s. v. Arnauld, T. II. p. 246.)
338) IV. Buch. K. 7. S. 439. Die Arbeit Claude Hardys, die Data Euklidis mit dem Kommentar des Neuplatonikers Marinus, erschien zu Paris bei M. Mon- diere im Jahre 1625 in 4^. — Das Werk des Severus von Antissa über den Zylinder- und Kegelschnitt kam zuerst 1696 zu Pistoja zusammen mit dem des Apol- lonius von Perga über den gleichen Gegenstand und später 1710 zu Oxford heraus. Die Polemik Hardys kann sich aber weder auf die erstere, noch auf die letztere dieser Ausgaben beziehen, da er schon 1678 starb; die zweite fällt gar später, als das Werk Leib- nizens abgefaßt wurde. Hardy muß sich daher wohl auf M. Mersennes Synopsis (Paris, 1644) beziehen, welche p. 276 — 312 den abgekürzten Apollonius und Severus enthält.
339) IV. Buch. K. 7. S. 439. Leibniz scheint hier Hardy mit dem vorhin (S. 447. Anm. 336) und hier wieder erwähnten Roberval verwechselt zu haben. Des- cartes erwähnt Hardys häufig in seinen Briefen (P. I. ep. CXI., P. II. ep. LXI., XCVIIL, CI., CVHL, P. IIL ep. XXXIV., LX., LXIII. usw.) stand auch mit ihm in
IV. Buch. Kap. 7. 87
Korrespondenz und schätzte ihn ohne Zweifel hoch; daß er ihn aber in den Briefen ausdrücklich gelobt hätte, habe ich nicht finden können. Dagegen heißt es von Roberval in epist. LVI. lihri III. ad Ferma- timn: „qui procid dubio inter primarios seculi nostri gcometras censeri debet\ Über Hardy sagt Leibniz selbst (bei Dutens, T. V. S. 616), er sei ein komme de merite, grand geometre, grand orientaliste.
340) IV. Buch. K. 7. S. 439. Vielleicht meint Leibniz die selten gewordene, 1633 und 1643 er- schienene physicae refonnatae Synopsis des wunder- lichen Mannes, der wohl auf dem Gebiete der päda- gogischen Didaktik, nicht aber auf dem der Natur- wissenschaft sich besondere Verdienste erworben hat.
341) IV. Buch. K. 7. S. 441. Franz Vieta, geb. 1540, gest. 1603, hat das Verdienst, die Algebra durch Einführung der Buchstaben als Zeichen unbestimmter und darum allgemeiner Größen gegründet zu haben, wodurch der höhern mathematischen Analysis über- haupt die Bahn gebrochen wurde, die zunächst nach ihm Descartes beschritt. Seine bis dahin in wenigen Exemplaren verbreiteten Abhandlungen und Schriften hat Fr. van Schooten mit Hilfe von J. Golius und Mersenne in einem zu Leiden 1646 erschienenen Folianten gesammelt herausgegeben.
342) IV. Buch. K. 7. S. 443. Ein anderes ist es — das will Leibniz sagen — , die Genesis unserer Erkenntnis d. h. ihre sukzessive Entstehung der Zeit nach historisch aufzufassen, und ein anderes, ihre natürliche d. h. logische Ordnung zu erwägen. Die ,, Geschichte unserer Entdeckungen" d. h. die all- mähliche Entstehung des Wissens im Laufe des Lebens, ist bei jedem eine besondere, individuelle und darum von der aller andern Menschen verschiedene, dagegen ist die logisch vermittelte, auf der Vernunft selbst beruhende Ordnung der Wahrheiten bei allen stets gleich und dieselbe.
343) IV. Buch. K. 7. S. 448. Ähnlich wie Fr. Bacon, will auch Locke der Religion eine besondere
88 Erläuterung 340—345.
Quelle, „die Offenbarung'*, zuweisen, um sie dadurch gegen die Konsequenzen des empirischen Realismus zu schützen. Leibniz premiert dagegen das rationali- stische Element in der Theologie, indem er daran erinnert, daß die Offenbarung schon eine natürliche Gotteserkenntnis voraussetzt, an welche sie anzu- knüpfen hat. Ganz ähnlich läßt sich auch Spinoza und ihnen folgend Lessing vernehmen, während Kant noch einen weiteren Schritt tut. Man muß doch erst, dies ist der gemeinsame, unzweifelhaft richtige, aber hin- terher oft wieder zum Schaden der Religionsphilosophie vernachlässigte Gedanke jener Männer, einen Begriff von Gott haben, muß aus diesem Begriff heraus ferner eine Vorstellung der Wahrhaftigkeit (Untrüglichkeit) Gottes gewonnen haben, um überhaupt den Glauben an eine Offenbarung fassen zu können. Descartes hatte in seinen Meditationen diesen Gedankengang vorgezeichnet.
344) IV. Buch. K. 7. S. 455. Wir lassen gewöhn- lich, wie Leibniz mit Recht bemerkt, beim Argumen- tieren eine der Prämissen aus, und zwar gewöhnlich den Obersatz. S. z. B. : Gajus muß sterben, da er ein Mensch ist; wo das „alle Menschen müssen sterben" als selbstverständlich weggelassen wird. Oder: die Verfinsterung des Mondes geschieht durch das Da- zwischentreten der Erde; wo der allgemeine Grund, daß jeder Körper verfinstert wird, wenn zwischen ihn und den ihn beleuchtenden Punkt ein undurchsichtiger Körper tritt, als selbstverständlich wegfällt. Der Medius terminus im Untersatz aber wird, wie in beiden Beispielen, darum hervorgehoben, weil durch ihn der eigentliche nächste Grund der Sache ausgedrückt wird, wie der Umstand, daß Gajus ein Mensch ist, daß die Erde dazwischen tritt. Dem Denken wird es in der Regel leicht, nachdem durch den Mittelbegriff der Grund der Sache gefaßt ist, den Obersacz hinzuzufügen. (Vgl. das oben in Anm. 58. S. 19 der Erl. über das Enthymen Gesagte.)
345) IV. Buch. K. 7. S. 456. Im ersten Kapitel des Satiricon.
IV. Buch. Kap. 7. S9
346) IV. Buch. K. 7. S. 458. Leibniz hat sich schon oben im II. Buch K. 4. S. 100 (vgl. Anra. 27) gegen den leeren Raum ausgesprochen.
347) IV. Buch. K. 7. S. 458. Molyneux' Werk: Dioptrica noia, erschien unter Halleys Auspizien im Jahre 1692 zu London und blieb lange Zeit das Haupt- werk über Optik. Molyneux war mit Locke in brief- lichem Verkehr, wie schon aus Leibnizens bekanntem Schreiben an Remond de Montmort (Dutens V. p. 11 bis 17; Erdm. Nr. LXXXVII. p. 703, ursprünglich von Des Maizeaux publiziert) hervorgeht. Daß Moly- neux sich durch eine Reise nach England, welche er, um Locke persönlich kennen zu lernen, krank unter- nahm, den Tod zugezogen haben soll, ward schon oben (Anm. 104, S. 29 der Erl.) erwähnt.
348) IV. Buch. K. 7. S. 460. Die sogenannten Brocardica, wie Leibniz in einem Briefe an Kestner (bei Kortholt IIL p. 251. Epist. XI) selbst erklärt, sunt vel ipsa juris solida principia vcl regulae quaedaw topicae : priora necessaria sunt, posteriores utiles forent, si satis examinatae cxplicatapqup haberentur, pcrtinent enim fere ad facti quaestionem arteinque concipiendi, ad quam refero etiam interpretandi artificium.
349) IV. Buch. K. 7. S. 461. Der zitierte Rechts- gelehrte, dessen Namen das Manuskript wie auch die Raspesche Ausgabe wegläßt, weil er vermutlich Leibniz nicht gegenwärtig war, ist Paulus, wie aus den Digesten L. XVII. hervorgeht: Paulus libro XVImo ad Playi- tium. Regula est, quae rem, quae est breviter, enarrat. Non ex regula jus sumatur, sed ex jure quod est regula fiat. Das zweite Zitat aus den Pandekten findet sich in den Institutiones L. IV., Tit. VI. de actionibus (Aus- gabe von J. H. Brehmer, Halae, 1728, 4^ p. 634, wo schon bemerkt ist, daß die Lesart sane uno casu fest- zuhalten sei, der denn auch die neueren Herausgeber sämtlich folgen).
350) IV. Buch. K. 7. S. 461. Jakob Barner wollte, wie Leibniz hier angibt, das Werk des Systematikers
90 Erläuterung 347—355,
Sennert, der in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts geblüht hatte, in zeitgemäßer Ergänzung und Um- arbeitung wiedergeben, zu welchem Ende er 1674 einen Frodromus Sennerti novi erscheinen ließ. Das Unternehmen kam aber ebensowenig zustande, als ein anderes desselben Gelehrten, welches zur Hebung der chemischen Studien bestimmt war.
351) IV. Buch. K. 8. S. 464. Vgl. das zweite Kapitel desselben Buches, S. 395 — 396.
352) IV. Buch. K. 8. S. 466. Der Vers wird als des Publius von L. A. Seneca in der Schrift de tran- quillitate aiiimi Kap. 11 angeführt.
353) IV. Buch. K. 8. S. 466. In der Fassung: Homo sum, nihil humani a me alienum puto, steht der Vers in des Terentius Heautontimor. I., I. 75.
Die Regel der Rechtslehrer, qui jure suo utitur etc., ist aus den „Regulae et praecepta juris'', welche älteren Ausgaben der Institutiones angehängt zu sein pflegen. Der Wortlaut selbst findet sich im Korpus nicht, wohl aber Ähnliches, namentlich Digest, lib. 39., tit. 2, 26, wo Ulpianus sich sogar des Bildes bedient, das Leibniz gebraucht, und ebendaselbst 24 eine fast gleichlautende Äußerung des Trebatius.
354) IV. Buch. K. 8. S. 467. Die tatsächlichen Wahrheiten geben zu induktiven Schlüssen und damit zu Erweiterung unserer Erkenntnis Anlaß, während die Vernunftwahrheiten nur exponiert d. h. dem in ihnen schon gesetzten Inhalt nach näher verständlich gemacht werden können.
355) IV. Buch. K. 8. S. 468. Fr. Suarez, gest. 1617, der besonders durch seine Theorie des bedingten Gehorsams gegen die Obrigkeit famose Jesuit, welcher den Ehrennamen des letzten großen Scholastikers führt und, wie Leibniz andeutet, in gewissem Sinne auch verdient, da er der Hauptvertreter der thomistischen Scholastik in den letzten Jahrhunderten war, wird von
IV. Buch. Kap. 8. 91
H. Grotius in dessen theologischen Schriften allerdings mitunter als Autorität zitiert und erhält in dessen Episteln ad Gallos (epist. 154 ad .loa. Cordesium p. 335 der Leipziger Ausgabe des Jahres 1674) folgendes Lob : Quorsum tantus Suarezii contemtus? hominis, si quid rede judico, in philosophia cui hoc tempore connexa est scholastica, tantae subtiliialis, ut vix quemquam habeat parem ?
356) IV. Buch. K. 8. S. 469. Leibniz bezieht sich hier auf den Anfang der Metaph3^sik des Aristoteles. Im zweiten Kapitel des ersten Buches derselben kommt der Ausdruck Cv^eTv öfters im spezifischen Sinne vor. Besonders den Schluß des Kapitels scheint Leibniz im Sinne gehabt zu haben. Auch der Vergleich mit dem Baumeister kommt schon bei Aristoteles vor (Kap. l. p. 981. A. 30. ed. Bekker); und die Abhängigkeit der übrigen Wissenschaften von der Metaphysik nach- zuweisen, ist der Gegenstand des zweiten Kapitels des ersten Buches.
357) IV. Buch. K. 8. S. 469. Vielleicht will Leibniz auf das zweite Kapitel des ersten Buches der aristo- telischen Metaphysik verweisen, oder vielleicht auch auf seine Einleitung zum Codex juris gentium, wo es heißt: Ut vero universali demonstratione conficiatur. omne honestum esse utile et omne turpe damnosum, nssumenda est immortalitas animae et rcctor universi deus. etc.
358) IV. Buch. K. 8. S. 469. Im alten Schul- systeme verhält sich die Sache so, daß die natürliche Theologie ein Teil der Metaphysik ist, nicht umgekehrt. Schon Thomas von Aquino sagt im Eingang seiner Summa theologine: ,,JUa theologia, quae pars philo- sophiae ponitur." Nebst der natürlichen Theologie umfaßte die Metaphysik die Ontologie, Kosmologie und Psychologie. Aber schon im Discours sur la demon- stration de Vexistence de Dien (bei Foucher de Careil, Nouvelles lettres etc. S. 25), womit auch der Discours de metaphi/sique § 28 (bei Grotefend S. 182) zu ver- gleichen ist, drückt Leibniz sich folgendermaßen aus:
92 Erläuterung 358—361.
En effet la metaphysique est la theologie naturelle, et le meme Dieu, qui est la somme de tous les hiens, est aussi le principe de toutes les connaissances.
Das zweite Glied dieser Sentenz gibt zugleich Aufschluß darüber, wie Leibniz in der Theologie die Quelle der ethischen Wahrheiten suchen konnte. Gott nämlich, dessen Idee der Gegenstand der natürlichen Theologie ist, ist zugleich der Gegenstand des höchsten sittlichen Strebens, sofern wir ihn liebend zu um- fassen suchen : von diesem Standpunkt aus hat Leibniz die ethischen Begriffe zu entwickeln versucht in einem von Erdmann (Nr. LXXVII. p. 670) publizierten Auf- satz (definitiones ethicae). Derselbe Gesichtspunkt waltet in der Einleitung des Codex juris gentium und in der Theodicee.
359) IV. Buch. K. 8. S. 470. Man sehe III. Buch, K. 3. S. 300.
360) IV. Buch. K. 10. S. 473. Die von Locke angeführte Stelle findet sich in der Tat bei Cicero de legibus lib. IL c. 7. (Ausgabe Ciceros von J. G. Baiter und C. L. Kayser, Bd. VII. S. 275 am Ende.)
361) IV. Buch. K. 10. S. 475. Nachdem Leibniz auf die Lücken des von Locke im § 3 aufgestellten Beweises für das Dasein Gottes aufmerksam gemacht hat, kommt die Rede auf den sogenannten ontologischen Beweis, den Philaleth dem kosmologischen gegenüber herabzusetzen sucht. Die Verwerfung des letzteren und das Hervorheben des ontologischen Arguments war besonders die Sache der Cartesianer, findet sich aber auch bei Cudworth (Syst. Int. T. II. p. 886 ff., ed. Mosheim). Der von Locke gegen die ausschließliche Geltendmachung des ontologischen Arguments gerich- tete Tadel trifft unter andern auch Spinoza, nicht aber Leibniz, welcher, ohne den ontologischen Beweis zu mißachten, auch dem aposteriorischen Argument, be- sonders dessen teleologischer Form, Gerechtigkeit widerfahren läßt. Man vgl. die Confessio naturae contra atheistas (Erdmann Nr. III. p. 45. Dutens,
IV. Buch. Kap. 10. 93
T. I. p. 5). Die leibnizische Monadenlehre fordert das Dasein Gottes als ihr notwendiges Komplement. (Vgl. oben Anm. 277 zu S. 350.)
362) IV. Buch. K. 10. S. 475. Leibniz hat sich des ontologischen Argumentes angenommen und ihm durch eine Korrektur oder Kompletierung neue Stärke zu geben gesucht. Daß dadurch diesem Beweise ein großer Halt und eine genügende Stärke verliehen werde, ist einer seiner Lieblingsgedanken, auf den er oft zurückkommt. Er zitiert hier selbst die Arta Lipsiensia und die Mcmoires de Trevoux; mit jenem Zitat meint er die schon oft allegierten Meditat iones de cognitione etc. (Erdmann Nr. IX. p. 79. Dutens, T. II. p. 1. pag. 14); mit diesem die Abhandlung de la demonstration Carteslenne etc. vom Jahre 1701 (Erd- mann Nr. LV., Dutens II. p. 1. pag. 254). Vgl. außer- dem Erdm. Nr. VIII. p. 78 und Foucher de Careil, Nouvelles Lettres etc. S. 22., Discours sur la demon- stration de Vexistencc de Dien nebst der Introduktion S. LXXXIV.
363) rV. Buch. K. 10. S. 475. Der Beweis selbst findet sich in Anselms Schrift Proslogium, dessen Gang in Überwegs Kompendium der Geschichte der mittel- alterlichen Philosophie genau wiedergegeben ist.
364) IV. Buch. K. 10. S. 476. Damit ist Thomas von Aquino gemeint, dessen Kritik des ontologischen Arguments sich in der Summa theologiae I. quaest. 2. art. 1.; Contra gentiles I. c. 11 findet. Auch von Spinoza wird Thomas dieser Verwerfung des onto- logischen Arguments wegen getadelt. (Kurzgefaßte Abhandlung v. Gott S. 6. meiner Übersetzung.)
365) IV. Buch. K. 10. S. 476. Leibniz weist damit wohl auf die vorher zitierte kleine Abhandlung in den Memoires de Trevoux hin. (Anm. 362.)
366) IV. Buch. K. 10. S. 477. Vom Standpunkte der Monadenlehre aus muß eine vorherbestimmte Har- monie angenommen werden, diese aber setzt wiederum
94 Erläuterung 362—371.
Gott als Begründer derselben voraus. Wer sich, so argumentiert Leibniz, von der Notwendigkeit über- zeugt hat, um die unzweifelhaft gegebene Überein- stimmung der innern und äußeren Erscheinungen zu erklären, eine prästabilierte Harmonie anzunehmen, gewinnt dadurch ein neues, unbestreitbares Argument für die Wirklichkeit Gottes. Insofern ist die Über- zeugung vom Dasein Gottes der Schlußstein seiner in sich harmonischen Weltansicht.
367) IV. Buch. K. 10. S. 477. Leibniz will keinem der bis dahin aufgetretenen Beweise des Daseins Gottes unbedingt vertrauen; er fordert eine Verbesserung aller, aber er verwirft anderseits auch keinen der- selben, da alle Wege des richtigen Denkens zuletzt auf Gott zurückführen müssen, insofern dessen Idee der Ursprung aller anderen Vorstellungen ist.
368) IV. Buch. K. 10. S. 480. Bayle ist gemeint mit seinem Artikel Rorarius, auf den als ein für seine Spekulation schätzbares Zeugnis sich Leibniz gern be- ruft (vgl. S. 16, Anm. 20), und dem er hier noch eine besondere Wendung zu seinen Gunsten gibt. Kant hat in seiner Kritik des physikotheologischen Argumentes dagegen ein anderes Maß der Gültigkeit dieses Be- weises anzugeben versucht.
369) IV. Buch. K. 10. S. 481. Diesem Argument Lockes kommt Leibniz durch sein Stetigkeitsgesetz zuvor.
370) IV. Buch. K. 10. S. 482. Leibniz drückt hier den Glauben aus, daß Locke durch die auf S. 492 oben mit großem Druck ausgezeichnete Äußerung sich seiner eigenen spiritualistischen Ansicht nähere. Das Rätsel, von dem Leibniz spricht, hat der französische Übersetzer des Lockeschen Werkes, P. Coste, in der Ausgabe von 1755 bei Gelegenheit dieser Stelle zu lösen gesucht.
371) IV. Buch. K. 11. S. 485. Es ist schon wiederholt (vgl. Anm. 315 und S. 407) davon die Rede gewesen, daß vom idealistischen Standpunkte aus das
IV. Buch. Kap. 11. 12. 95
Regelmäßige, Beständige in der Verknüpfung der Er- scheinungen oder deren Konsequenz das alleinige Kri- terium der Wahrheit sein kcinne.
372) IV. Buch. K. 11. S. 488. Der Grundsatz der formalen Logik: „die Schlußfolgerung folgt dem schwächsten Teile (der Vordersätze) — conclusio sequitur parte/n debiliorem'', besagt, daß der Schluß- satz eines Syllogismus nicht mehr enthalten darf, als in den Vordersätzen liegt, also namentlich Negation, Partikularisation und den Vordersätzen angehängte Bedingungen auf den Schlußsatz beschränkend wirken.
373) IV. Buch. K. 11. S. 489. Dergleichen Äuße- rungen sind bei Augustin häufig, besonders in den Konfessionen, aber auch in der Schrift de vera religione, und anderen. Leibniz denkt in erster Linie wohl an Malebranches Zitate des Kirchenvaters in der Preface zur Recherche de la verite.
374) IV. Buch. K. 11. S. 489. Auch dieser Ge- danke, daß Gott die Quelle der Wahrheiten sei, erinnert an Augustin und Malebranche. Dem von Leibniz an- genommenen Parallelismus des Seins und Denkens liegt der Gedanke zugrunde, daß entsprechend der realen Abfolge der Wesen aus Gott die Vorstellungen der Dinge (und der Wesenheiten und Verhältnisse) sich aus der Idee Gottes ableiten lassen, welche potentiell alle Wahrheit in sich enthält. Wenn übrigens Leibniz die Idee Gottes hier als Regulativprinzip nennt, so ist dies nicht im kantischen Sinne des Wortes zu nehmen, da sie ihm recht eigentlich als konstitutiv gilt. Gott ist ihm seiner Wirklichkeit nach das Kon- stitutivprinzip des Seins, seiner Idee nach das Kon- stitutivprinzip des Denkens.
375) IV. Buch. K. 12. S. 491. Nach Stobaeus (Ekl. Phys. c. 2. 5. § 62, — S. 15 der Ausgabe von Meinecke — ) erklärte Polemo, womit der Platoniker gemeint sein wird, das Weltall für Gott. Leibniz hatte diese Notiz wohl aus Stanleys Geschichte der Philo- sophie kennen gelernt.
96 Erläuterung 372—379.
376) IV. Buch. K. 12. S. 491. Archelaus, der be- deutendste Schüler des Anaxagoras und besonders als Naturphilosoph ausgezeichnet, lehrte nach Diogenes Laertius (L. II. c. 4) : das Gerechte und das Ungerechte sei dies nicht von Natur, sondern durch Satzung, also durch wandelbare Willkür bestimmt.
377) IV. Buch. K. 12. S. 492. Der aus Aristoteles angeführte Satz, welcher zu Anfang des zweiten Ka- pitels der Sophistici Elenchi (p. 161. B. 1. ed. Bekker) steht, wird von diesem dadurch begründet, daß er sagt: „Lehrverhandlungen haben von den eigentüm- lichen Prinzipien einer jeden Disziplin auszugehen und machen ihre Schlüsse nicht von den Vorstellungen aus, welche der antwortende (aufnehmende) Schüler mitbringt, denn der Lernende muß glauben." Seine Meinung ist dabei, daß der Schüler durch die Konse- quenz der ihm vordemonstrierten Entwicklung und die Übereinstimmung der wissenschaftlichen Resultate mit den Tatsachen und seinen anderweitigen Kenntnissen eine Bestätigung des ihm zu Anfang zugemuteten bloßen Glaubens an die Prinzipien empfangen werde. Dem entsprechend drückt sich auch Leibniz hier aus, indem er das Vorläufige jenes Glaubens hervorhebt, den der Anfänger dem Lehrer entgegenbringen soll.
378) IV. Buch. K. 12. S. 492. Die Auseinander- setzung des Pappus, an welche sich Conrings irrtüm- liche Kritik anschloß, findet sich zu Anfang des siebenten Buches der awaycoyrj (herausgeg. von Ger- hardt, Halle, 1871) und ist vielleicht das Klarste und Beste, was in der Kürze über das Wesen der analy- tischen und synthetischen Methode gesagt worden ist.
379) IV. Buch. K. 12. S. 498. Die von Leibniz angeführte Äußerung ist von mir in Descartes' Briefen nicht aufgefunden worden. Da aber in der gleich darauf zitierten Bemerkung Spinozas des englischen Philosophen Erwähnung geschieht, liegt vielleicht eine Verwechslung von Leibnizens Seite vor, die um so leichter möglich war, als ihm bei der Ausarbeitung des Werkes literarische Hilfsmittel oft nicht zu Ge- bote standen. Vgl. Einl. p. XXXV— XXXVL
IV. Buch. Kap. 12. 15. 97
380) IV. Buch. K. 12. S. 499. Die Äui3erung Spinozas, auf welche Leibniz hier anspielt, lautet (Opera posth. p. 410. ed. Paulus p. 465) : Interim nescio, cur clarissimus vir hoc (den allgemeinen Mecha- nismus) adeo sollicite conetur colligere ex hoc suo ex- perimento: cum jam hoc a Verulamio et post eum a Cartesio satis superque demonstratum sit.
381) IV. Buch. K. 12. S. 499. Wir steigen, dies will Leibniz sagen, nachdem wir zunächst deutliche Vorstellungen erlangt haben, von ihnen weiter zu vermittelnden Vorstellungen auf, welche das Tatsäch- liche und Einzelne mit dem Prinzipiellen und All- gemeinen zu verknüpfen bestimmt sind.
382) IV. Buch. K. 12. S. 499. Die Lunula (Menis- kos) ist der halbmondförmige Flächenraum, welcher zwischen zwei nach derselben Seite hin hohlen Kreis- bogen verschiedener Größe eingeschlossen ist. Daß Hippokrates von Chios (noch vor Plato) die Quadrier- barkeit derselben gefunden habe, berichtet Proklus in seinem Kommentar zu Euklides' erstem Satze. Über Hippokrates und seine Verdienste um die Mathematik handelt H. Suter, Geschichte der mathemat. Wissen- schaft, p. 32 ff. (Zürich, 1871).
383) rV. Buch. K. 15. S. 503. Leibniz bezieht sich hier auf die theologischen Kontroversen, welche sich an Nicoles Schrift de Vunite de Veglise schlössen, und bei denen auch die Frage erwogen wurde, ob der römische Katholizismus sich auf das — allerdings recht bedenkliche — Argument der „Mehrzahl der Bekenner" einlassen dürfe.
384) IV. Buch. K. 15. S. 503. Der eigentliche Titel des Buches ist „Prarscriptio'' oder ,/Ze praescrip- tione haereticorum". In demselben sucht Tertullian, ohne auf das Materielle des Streits mit dem Heiden- tum und die Bekämpfung einzelner Lehren desselben einzugehen, allen Häresien überhaupt ein formelles Argument entgegenzusetzen.
Leibniz^ Erläaterungcn. 7
98 Erläuterung 380—387.
385) IV. Buch. K. 15. S. 504. Leibniz verweist hier auf seine weitläufige, aber schließlich erfolglose irenische Korrespondenz mit Bossuet, welche durch die Bemühungen des Grafen Foucher de Careil (Oeuvres de Leibniz T. 1. 2., Paris, 1859—1860) vollständig gedruckt vorliegt. Erfolglos blieb diese Korrespon- denz, weil Leibniz sich die Freiheit der wissenschaft- lichen Forschung nicht nehmen lassen wollte, Bossuet die Unterwerfung unter die unfehlbare Autorität der katholischen Kirche verlangte. Bemerkenswert ist die Stelle noch dadurch, daß daraus die Abfassungszeit der Nouveaux Essais oder wenigstens des Teiles, in dem die Äußerung vorkommt, zu erschließen ist. Bossuet starb am 12. April 1704.
386) IV. Buch. K. 16. S. 508. Mit großartigem Scharfsinn und wahrhaft prophetischem Geiste sagt Leibniz hier den Eintritt der allgemeinen Revolution Europas voraus, deren Entstehungsgrund er in der Zügellosigkeit der Meinungen sowie im Mangel an Gemeinsinn, also im praktischen Egoismus sucht. Heut- zutage, wo sich die wahren Motive wie die letzten Ziele des revolutionären Geistes klarer enthüllt haben, wird man dem Philosophen die Gerechtigkeit wider- fahren lassen müssen, daß er schon an der Schwelle des Revolutionsjahrhunderts die treibenden Prinzipien oder Prinziplosigkeiten der Umsturzparteien richtig erkannt habe.
387) IV. Buch. K. 16. S. 511. Das selten ge- wordene Buch des Ritters G. Br. de Mere „Agrements"' ist 1693 zu Amsterdam bei P. Mortier in zwei Bänden erschienen; ihm folgten 1700 zu Paris die Oeuvres posthumes, welche 1701 im Haag wieder aufgelegt wurden (vgl. Anm. 313. S. 404). In seiner Replique aux reflexio7is de Bayle (Dutens, T. IL p. 1. p. 80. Erdmann Nr. LVII. S. 190) erzählt Leibniz, wie Mere allerdings durch die Frage der Spielchancen einen Anstoß zur Kultivierung der Wahrscheinlichkeitsrech- nung gab. Er erwähnt bei dieser Gelegenheit der Arbeiten von Huygens, Fermat, Pascal, auch Jan de Wits und Huddens, welcher beiden letzteren auch
IT. Buch. Kap. 16. 99
Spinoza in der Vorrede seiner Abhandlung vom Regen- bogen (bei V. Vloten p. 255) gedenkt.
388) IV. Buch. K. 16. S. 511. Die Schrift von Huygens: Tractatus de ratiociniis in aleae ludo ist in Fr. van Schootens exercitationes mathpmaticae (Lugduni Bat., 1657, 40) von p. 519 an abgedruckt. Sie ist aus dem Haag 1657 datiert. Auch Spinoza hat sich mit der Wahrscheinlichkeitsberechnung der Spielchancen beschäftigt auf Anlaß eines Briefes, den ein sonst nicht bekannter Joh. v. d. Meer — es soll ein Amster- damer Kaufmann gewesen sein — an ihn geschrieben hat und den er in seinem 38sten Briefe der Haager Ausgabe (1883, Bd. I. p. 145—149), dem 43sten der alten Paulusschen Ausgabe, beantwortet.
389) IV. Buch. K. 16. S. 511. Prosthaphaeresis bedeutet wörtlich : Vorherwegnahme, und bezeichnet hier das Grundprinzip zur Ermittlung des "Wahrschein- lichkeitsgrades, welches fordert, daß man von den obwaltenden, je nach deren relativer Geltung an- zusetzenden Voraussetzungen das arithmetische Mittel nimmt.
390) IV. Buch. K. 16. S. 514. Mit dem Angreifer ist Heath gemeint, dessen Buch Flagellum or Life and death of 0. CromiceU the Usurper ausgiebige Verleum- dungen und Schmähungen des Protektors enthält; das Werk Carringtons dagegen, 0. Cromwells life and death (zuerst 1659 erschienen), ist ein Panegyrikus auf den- selben, worin unter anderem Cromwell mit Alexander dem Großen verglichen wird.
391) IV. Buch. K. 16. S. 515. Das Buch des „berühmten" Freundes, des auch in der Geschichte der Rechtsphilosophie als Verfasser des „Christen- Stat" (Leipzig, 1686) namhaften Veit Ludwigs von Seckendorff hat den Titel: De Lutheranismo Commen- tarius. Es erschien zuerst Leipzig 1688 in Quarte, dann im Jahre 1692 noch einmal stark vermehrt in Folio.
100 Erläuterung 388—394.
392) IV. Buch. K. 16. S. 516. J. H. Bolsec, ein geborener Pariser, ging vom Katholizismus zum Pro- testantismus über und zog nach Genf, wo er sich mit Calvin veruneinigte, eingekerkert und verbannt wurde. Auch in Bern, wohin er sich begab, verfolgte ihn Calvin. Infolge dieser Verfolgungen entwickelte sich bei ihm ein gewaltiger Haß gegen den Reformator, dem er, nachdem er zum Katholizismus zurückgekehrt war, durch seine zuerst 1577 erschienene Histoire de la vie etc. de Calvin, eine verleumderische Schmäh- schrift, Luft machte. Im Jahre 1580 ließ er ein ähnliches Produkt folgen, die Histoire de la vie etc. de Theod. de Beze. Auch noch andere Bücher gleicher Tendenz gegen Zwingli, Luther und Oecolampadius werden ihm, wenn auch wohl fälschlich, zugeschrieben. Über Bolsec handelt am besten Bayle in seinem Dictionnaire.
393) IV. Buch. K. 16. S. 519. Diese große Realenzyklopädie Theod. Zwingers, welche von Ly- costhenes begonnen worden war, erschien in Basel bei Euseb. Episcopius in 29 Teilen, die vier oder fünf Bände auszumachen pflegen, zuerst 1586 und dann noch öfters gedruckt.
394) IV. Buch. K. 16. S. 519. Wir schließen, so ist Lockes von Leibnizens Zustimmung begleitete Meinung zu verstehen, von den Gründen der einen Naturerscheinung mit mehr oder weniger Wahrschein- lichkeit auf die Gründe einer andern damit verwandten, nach der Regel der Analogie, welche das große Mittel ist, unsere Erkenntnis zu erweitern. Dies geschieht zunächst zwar nur hypothetisch, denn der Analogie- schluß hat nicht die Sicherheit des Syllogismus, da er statt der einfachen Kopula eben nur die Verbindung der Begriffe nach deren Analogie setzt:
A ist B
B ist analog C
A ist (nach Analogie von B) vermutlich = C.
Was aber das von Leibniz gebrauchte Beispiel betrifft, 80 hat heutzutage die Spektralanalyse in viel höherem
IV. Buch. Kap. 16. 101
Maße der Wahrscheinlichkeit die Anwendung des Ana- logieschlusses auf die mutmaßlichen Bestandteile anderer Weltkörper verstattet.
395) rV. Buch. K. 16. S. 520. Demnach ist, wie schon in der vorigen Anmerkung gesagt wurde, das der Analogie nach mit Wahrscheinlichkeit Erschlossene als „vernunftgemäße Hypothese" zu betrachten. Als Hypothese, sofern es noch problematisch und nicht mit Sicherheit aus Vorhererkanntem erschlossen wor- den ist; als vernunftgemäß, sofern wir keinen Grund gegen die gemachte Annahme als Instanz kennen, vielmehr eine eben aus der Analogie stammende Ver- anlassung haben, der Hypothese, wenn auch nicht Glauben, doch wenigstens vorläufige Beachtung zu schenken.
396) IV. Buch. K. 16. S. 520. Huygens' Cosmo- theoros s. de terris coelestibus earumque ornatu con- jecturae, in zwei Büchern, das letzte Werk des großen Naturforschers und Mathematikers, erschien erst drei Jahre nach seinem Tode 1678, und wurde 1703, also kurz vorher, ehe Leibniz das vierte Buch der ^ouveaux Essais schrieb, ins Deutsche übersetzt und in Leipzig herausgegeben. In Huygens' Opera varia (Lugduni Bat, ap. Janssonios van der Aa, 1724) ist die Schrift wieder abgedruckt, in der neuen Ausgabe der Werke aber noch nicht erschienen.
397) IV. Buch. K. 16. S. 520. Fontenelles Entre- tiens sur la pluralitc des mondcs (zuerst 1686 er- schienen und in der Ausgabe von 1719 durch eine sechste Unterhaltung vermehrt; im ganzen öfters ge- druckt als irgend eine andere der oft gedruckten Schriften Fontenelles) sind das Werk, welches die große schriftstellerische Reputation ihres Urhebers vollendete, nachdem die dialogiirs des morts dazu den Grund gelegt hatten. Leibniz charakterisiert die Schrift richtig so, daß Fontenelle darin seinen Leser durch angenehme, geistreiche Plauderei zu großen, weiten und erhabenen Gesichtspunkten emporzuführen ver- stehe.
102 Erläuterung 395—403.
398) IV. Buch. K. 16. S. 520. Leibniz meint das Buch: Joh. Keppleri mathe7natici olim imperatorü somnium seu opus posthumum de astronomia lunac divulgattim a L. Kepplero filio. A. 1634. Keppler hatte sich mit Plutarchs Buch de facie in orhe lunae beschäftigt und aus dem darin vorkommenden Märchen über die Monddämonen, 4a'S Sulla vorträgt, die Idee einer Mondgeographie entnommen.
Das geistvolle Somnium ist übrigens meist astro- nomischen Inhalts und kommt erst am Schluß auf die Zoologie und Ethnologie des Mondes zu sprechen.
399) IV Buch. K. 16. S. 520. In dessen schon öfter erwähnter Voyage dans la Lune.
400) IV Buch. K. 16. S. 521. Descartes' in der Principia philosophiae 1. IV. § 70 — 75 dargelegte i Hypothese wird bei dieser Gelegenheit von Leibniz \ auf ebenso entschiedene als höfliche Weise abgefertigt.
401) IV. Buch. K. 16. S. 521. Die Lehre von dem \ Vacuum formarum glaubt Leibniz durch sein Kon- tinuitätsgesetz gründlich widerlegt zu haben.
402) IV. Buch. K. 16. S. 523. Es ist auffallend, daß Leibniz das von Locke über die Wundertheorie Bemerkte einfach übergeht. Was über die Offenbarung zu sagen ist, wird von ihm im achtzehnten Kapitel dieses Buches nachgeholt, wie er hier selbst andeutet. — Leibniz ist zu sehr Philosoph, um ein Freund der Wundertheorie zu sein, da er wohl weiß, daß die natürliche Theologie, auf welche er das größte Ge- wicht legt, sich damit nicht verträgt. Am Schluß des neunzehnten Kapitels dieses Buches hat er sich darüber sehr deutlich ausgedrückt.
403) IV. Buch. K. 17. S. 524. Die Vernunft soll hier, wie Leibniz sagt, nicht als das Vermögen der Ideen und angeborenen Grundsätze im Sinne des pla- tonisch-aristotelischen Novg genommen werden, son- dern im Sinne des griechischen ?.6yog als Vermögen des Schließens, also dem Zweck der Erweiterung
IV. Buch. Kap. 17. 103
unserer Erkenntnis dienend. Diese Erweiterung unserer Erkenntnis nun kann sowohl durch synthetisch-deduk- tives als durch analytisch-induktives Verfahren vor sich gehen. Wenn Leibniz hier „der Erweiterung" der Erkenntnis die „Regelung" der Meinungen ent- gegensetzt, so ist das so zu verstehen, daß die Syllo- gistik besonders dazu berufen sei, die logische An- ordnung der Erkenntnisse und die Klassifikation der Begriffe zu schaffen.
404) IV. Buch. K. 17. S. 524. Häufig genug, will Leibniz sagen, verfahren wir beim Vorstellen und Schließen nicht anders als die Tiere, indem wir nach der Analogie der Erfahrung denkend, empirisch zu "Werke gehen, ohne auf den Grund oder das allgemeine Wesen der vorliegenden Erfahrung zurückzugehen. Der Unterschied aber zwischen uns und den Tieren besteht in theoretischer Beziehung darin, daß die Tiere stets empirisch denken, also sich zu — sprach- geformten — Gemeinbegriffen nicht erheben können, w^ährend wir zur Bildung der letzteren befähigt sind. Und zwar geschieht dies, wie Leibniz sich überzeugt hält, mit Hilfe der angeborenen Wahrheiten, durch deren Besitz als lebendiger Hülfen wir uns ganz wesent- lich vor den Tieren auszeichnen. Indem die ange- borenen Wahrheiten uns das Mittel liefern, die empi- rischen Erkenntnisse zu verknüpfen, ermächtigen sie uns auch, allgemeingültige Urteile und Begriffe daraus zu bilden. — Von ganz ähnlichen Gesichtspunkten geht Aristoteles in einer bekannten Stelle seiner AnaJi/tira posteriora und im Anfang des ersten Buches der Meta- physik aus.
405) IV. Buch. K. 17. S. 528. Wie hier, hat Leibniz schon wiederholt in seinem Werke bekundet, wie hoch er die formale Logik schätze. Am ausdrück- lichsten und vollständigsten geschieht dies aber, wie schon oben bemerkt, in seinem Briefe an Gabriel Wagner (bei Erdm. Nr. XL. 6. S. 418), in dem er den Kenner der Logik mit einem geübten Schützen ver- gleicht, der seine ihm wohlbekannte Waffe zu hand- haben verstehe und darum sicher zu treffen pflege,
104 Erläuterung 404—^08.
während derjenige, welcher von den Gesetzen der Logik nichts wisse, wohl richtig denken und schließen möge, dies aber nur aufs Geratewohl tue und, weil er sich der Gründe seines Verfahrens nicht bewußt sei, von demselben auch keine Rechenschaft ablegen und sich leichter irren könne.
406) IV. Buch. K. 11. S. 529. Die Erklärung dessen, was man unter Enthymema verstehe, ward schon oben (Anm. 58. S. 16 der Erl.) gegeben.
407) IV. Buch. K. 17. S. 530. Eine ähnliche Aus- einandersetzung über die logischen Figuren findet sich im dritten Briefe an Bourget vom Jahre 1714 (Erdm. Nr. XCI. p. 721; vgl. außerdem die von Raspe herausgeg. „Difficultates logicae'' [Erdm. Nr. XXIII. p. 101]). Die in der ersteren der angeführten Stellen zitierte Jugendschrift, welche gleichfalls und am ein- gehendsten von den Modi der Schlußfiguren handelt, ist die Dissertatio de arte combinatoria, erschienen 1666 (probl. IL, bei Erdm. Nr. IL p. 13 ff.).
408) IV. Buch. K. 17. S. 535. Das topische Argu- ment, dessen Locke hier erwähnt, ist ein Ausdruck der aristotelisch-scholastischen Philosophie und be- deutet nach Aristoteles die Beweisführung aus dem als wahrscheinlich Angenommenen, ein Verfahren, welches Aristoteles im Gegensatz zur apodiktischen und wissenschaftlichen Beweisführung als das „dia- lektische" bezeichnet. Zur wissenschaftlichen Beweis- führung, so sagt dieser, ist erforderlich, aus wahren begründeten Prinzipien zu argumentieren; die dialek- tisch-topische Argumentation geht dagegen von dem aus, was den Meisten und den Klügsten als wahr er- scheint, zum Zweck teils der Übung, teils der Vor- bereitung auf die eigentlich wissenschaftliche Behand- lung. Lockes Anhänger bekennt nun eingesehen zu haben, daß auch das Wahrscheinliche mit syllogisti- scher Strenge auf mathematischem Wege behandelt werden könne und, wenn ein bestimmtes Resultat erzielt werden soll, behandelt werden müsse.
IV. Buch. Kap. 17. 105
409) IV. Buch. K. 17. S. 536. Die Stelle aus Rieh. Hookers berühmtem Werk „the laws of ecclesiasti- cal polity'\ womit die Gesetze der kirchlichen Ver- waltung Englands gemeint werden, ist hier ziemlich wörtlich angeführt. Es sei dabei bemerkt, daß Hooker bei dieser Gelegenheit Aristoteles als Erfinder der Logik überschwenglich preist, der um dieser seiner Kunst willen in allen Fächern allein mehr geleistet habe, als die ganze Welt seither zusammengenommen.
410) IV. Buch. K. 17. S. 536. Die Stelle ist aus Horaz' Epist. L. I. ep. 19 v. 19.
411) IV. Buch. K. 17. S. 537. Dieses ist ein Satz, welcher das Wesen des Lockeschen Realismus vom erkenntnistheoretischen Standpunkte aus sehr scharf bezeichnet. Es gibt, so argumentiert Locke, nur be- sondere Dinge, also können wir auch nur Besonderes und Einzelnes erkennen; unser Raisonnement, welches sich auf die Übereinstimmung resp. Nichtübereinstim- mung der Dinge bezieht, muß demnach, um treffend zu sein, beim Besondern verharren. Worin besteht nun der Nutzen der Syllogistik, wenn diese von dem Grundsatz ausgeht, daß ein jeder Vernunftschluß wenigstens einen allgemeinen Satz enthalten müsse? Leibniz macht gegen dies Argument mit Recht geltend, daß wir bei unserer Auffassung der Dinge, wenn sie zunächst auch auf das Einzelne geht, doch bei diesem Einzelnen nicht stehen bleiben, sondern noch etwas anderes mitdenken, ja mittels der Sprachform unserm Gedankenbild sofort den Charakter der Allgemeinheit verleihen. Das Einzelne der Auffassung bezieht sich also nur auf den Sinnlichkeitsakt, auf die Konstruktion des Sinnbildes; mit dem Fortgange zum Gedanken erheben wir uns aber sofort zum Allgemeinen, wie die Unendlichkeitsform des sprachlich ausgeprägten Begriffes zeigt.
412) IV. Buch. K. 17. S. 537. Petrus ist der Mittelbegriff, Jünger ist das Subjekt des Schlußsatzes, daher muß der Untersatz umgekehrt werden, und es ergibt sich also ein partikularer Schlußsatz, auch
106 Erläuterung 409—415.
wenn man die ursprünglichen beiden Prämissen als allgemeine Urteile nimmt.
413) IV. Buch. K. 17. S. 539. Leibniz will sagen, daß, wenn man gewöhnlich die Berechtigung des logischen Schließens aus dem Prinzip ableite, wonach, was vom Ganzen gelte, auch vom Teile gelten müsse (ab universali ad particuHare consequentia valet) — dies insofern nicht immer zutreffend sei, als häufig nicht Unterordnung sondern Nebenordnung (Gleich- setzung) der Begriffe beim Schluß stattfinde, daher denn auch wohl die Gleichsetzung der Begriffe {princ. identitatis) als logisches Grundprinzip angeführt werde. Diesem Übelstande zu entgehen, schlägt er vor, vom „Enthaltensein" zu sprechen, worin gewissermaßen die höhere Einheit von Subordination und Identität gegeben sei : das Subjekt könne immer als im Prädikat enthalten gedacht werden, auch wenn es gleichen Umfangs mit ihm sei. Man muß freilich dabei nicht vergessen, daß in der Regel das Enthaltende gegen- über dem Enthaltenen als das Umfänglichere be- trachtet wird.
414) IV. Buch. K. 17. S. 541. Wie aus dieser Stelle auch hervorgeht, war zu Leibnizens Zeit die Reduktion der Gleichungen zweiten, dritten und vierten Grades auf reine Gleichungen bereits bekannt, aber für höhere Gleichungen, als des vierten Grades, blieb die Zurückführung ein mathematisches Problem, welches die Männer vom Fach viel beschäftigte, bis Abel nachwies, daß die Reduktion allgemein nicht aus- führbar ist (Oeuvres, Christiania, 1839, Abhandlung II. Demonstration etc. p. 5 ff.).
415) IV. Buch. K. 17. S. 542. Indem wir ein Zeichen für einen allgemeinen Begriff einführen, fixieren wir denselben für unser Gedächtnis mit Hilfe der Phantasie. So fixiert das Wort den Gedanken, das Schriftzeichen das Wort. Mit Recht bezeichnet daher Leibniz die Kunst der Zeichen oder Charaktere als ein großes Hilfsmittel, zunächst des Gedächtnisses, welchen Gedanken er denn auch durch die Gründung
IV. Buch. Kap. 17. 107
einer philosophischen Sprache zum Nutzen der Wissen- schaft zu verwerten gedachte.
416) IV. Buch. K. 17. S. 542. Die Geschichte der Erfindung der Differentialrechnung, worüber unter anderen Jaucourt und Montucla geharidelt haben, hat Leibniz den Grundlinien nach in einem längeren Schreiben an die Gräfin Kielmannsegge vom 18. April 1716 dargestellt, den der Recueil Des Maizeaux' mit anderen wichtigen Aktenstücken in dieser Materie in Bd. II bietet, und das auch bei Dutens III. p. 456 abgedruckt ist. Näheres findet man bei Guhrauer, Leben Leibnizens, Bd. I. S. 302 ff . Ein späterer Ver- such, Leibniz gegen Newton in ein ungünstiges Licht zu stellen, muß als gänzlich verfehlt betrachtet werden.
417) IV. Buch. K. 17. S. 544. Das „beseligende Gesicht" {visio bcafifica), besonders von den Mystikern des Mittelalters besprochen und hervorgehoben, stammt einerseits aus gewissen Äußerungen der paulinischen Briefe, anderseits von der ekstatischen Anschauung der Neuplatoniker her, welche wiederum den Gedanken einer geistigen, über das vernünftige Denken hinau.s- gehenden Anschauung aus Plato entlehnten und auf die griechischen und lateinischen Kirchenväter wie namentlich Augustin vererbten. Das Resultat dieser Anschauung göttlicher Dinge in gemilderter Auffas- sung ist das lumen gratiao gegenüber dem luvvn naturale, wovon schon oben (Anm. 62. S. 20) gehandelt worden ist.
418) IV. Buch. K. 17. S. 548. Leibniz will einen absoluten Gegensatz von vernünftiger Erkenntnis und supranaturalistischem Glauben nicht gelten lassen, während er freilich doch wieder Lockes Definition bekämpft, welche auf ihren letzten Ausdruck gebracht, den Gegensatz dessen, was vernünftig, und dessen, was übervernünftig ist, schlechthin aufhebt. Das Supranaturalistische, so lehrt Leibniz, ist nicht nur nicht gegen die Vernunft, sondern nicht einmal gänz- lich über derselben, es muß ja doch mit der Vernunft
108 Erläuterung 416—420.
erfaßt werden können, wenn es auch von ihr nicht umfaßt oder begriffen d. h. aus seinem Wesengrunde (a priori) erkannt wird. Um einen supranaturalisti- schen und über unsere Vernunft hinausgehenden Satz glauben zu können, müssen wir doch — so argumen- tiert Leibniz — vernunftgemäße Beweggründe haben, und durch diese steht er dann mit unsern übrigen Erkenntnissen in Zusammenhang. Er verwirft dem- nach den blinden Glauben auf bloße Autorität, will aber doch auch nicht den reinen oder strikten Ra- tionalismus gelten lassen, der nur das durch Vernunft- gründe Erkannte als Gegenstand der Überzeugung bestehen lassen will. Am ausführlichsten hat Leibniz über diesen Gegenstand in der einleitenden Abhand- lung zu seiner Theodicee: „Über die Übereinstimmung von Glauben und Vernunft" gehandelt.
419) IV. Buch. K. 17. S. 549. Die Theorie von der doppelten Wahrheit, der philosophischen (natura- listischen) und der theologischen (supranaturalisti- schen), welcher sich besonders die italienischen Philo- sophen, wie z. B. Pomponatius in seinem Buche über die Unsterblichkeit der Seele, bedienten, um ihre der Kirchenlehre widersprechenden Lehren unangetastet verbreiten zu dürfen, wurde im Jahre 1513 durch das Dekret „Apostolici Regiminis" des fünften Late- ranischen Konzils unter Leo X. verdammt. In dem Dekret heißt es anknüpfend an den Streit der Aver- roisten und Alexandristen, deren Doktrinen deutlich genug bezeichnet werden: Cum verum vero minime contradicat, omnem assertionem veritatis illuminatae fidei contrariam omnino falsam esse definimus et, ut aliter dogmatizare non liceat, distinctius exhihemus etc. {Conciliorum collectio Farisiensis T. 34. [1644] p. 333).
420) IV. Buch. K. 17. S. 549. Über diesen Streit zwischen dem Theologen Dan. Hoffmann und dem Aristoteliker Korn. Martin, wie ihn Leibniz nennt, oder Martini, wie ihn Jöcher und andere richtiger nennen, siehe E. L. Th. Henkes Werk: Georg Calixtus und seine Zeit, Einleitung S. 73 ff. Herzog Julius, der in der betreffenden Streitfrage selbst die Akten
IV. Buch. Kap. 17. 18. 109
eingesehen und die Entscheidung getroffen hatte, tat recht daran, den Philosophen gegen die Rotte seiner Gegner in Schutz zu nehmen, welche die abscheulich- sten Verleumdungen über ihn verbreiteten und ihn überhaupt sehr unsanft traktierten. So schrieb der Theolog Strube über ihn: „Unser Cornelius ist eine epikureische Sau und offenbarer Verräter des Wortes und des Ministerii." Leibniz kommt auch in der Theo- dicee auf diesen Handel zu sprechen.
421) rV. Buch. K. 17. S. 550. Die Unterschei- dung zwischen der metaphysischen und der moralischen Notwendigkeit, welche letztere auf der Wahl des Besten beruht (vgl. oben Anm. 131. S. 165), gibt Leibniz hier Gelegenheit, wiederum die Ordnung der Natur aus höheren Rücksichten der Gnade durchbrochen werden zu lassen. Wie dies aber denkbar sei, wenn die Welt ohnehin schon von allen möglichen Welten die beste ist, hat er nicht hinzugefügt und darum auch nicht dem naheliegenden Einwurf begegnet, daß ein solches Durchbrechen der Ordnung der besten Welt diese Wahl des Besten Lügen strafen würde. Denn die allerbeste Welt ist doch offenbar diejenige, deren Ordnung eben nicht durchbrochen zu werden braucht.
422) IV. Buch. K. 18. S. 551. Einen ähnlichen Gedanken hat einmal Lessing, vielleicht durch Leibniz angeregt, ausgeführt — in dem Fragment: Daß mehr als fünf Sinne für den Menschen sein können (Werke, von Lachmann herausgeg., Bd. XL S. 458).
423) IV. Buch. K. 18. S. 553. Der hier genannte Keßler, mit Vornamen Andreas, geb. 1593 zu Koburg und 1643 auf der Kanzel ebendaselbst gestorben, hat in mehreren Schriften (Excnurri physicar rhotinianae, 1631 und öfter erschienen, und examcn metaphysicae Photiyiianae, 1648 und 1666, darunter auch examcn logicae Photinianae, Witebergae, 1663) den Sozinianis- mus bekämpft.
Von dem Sozinianer Stegmann, der, mit Vor- namen Joachim, 1632 zu Klausenburg in Siebenbürgen
110 Erläuterung 421—426.
starb, werden mehrere Schriften angeführt. Viel be- kannter ist der von ihm zu unterscheidende Josua Stegmann, der in Leipzig, Wittenberg und Rinteln Professor war und viele theologische Werke abgefaßt hat. Er starb in demselben Jahre wie sein soziniani- scher Namensgenosse Joachim.
424) IV. Buch. K. 18., S. 554. Das Buch des Nik. Vedelius: rationale theologicum de necessitate et vero usu priticipiomm rationis in controversiis theologicis, hatte schon B. Nehusius durch die Schrift Morosophus sive Vedelius in suo rationali prorsus irrationalis be- kämpft; das Werk des Joh. Musaeus (geb. 1613; seit 1646 Professor der Theologie in Jena), hat den Titel de usu principiorum rationis in theologia, Jenae, 1644; es macht der natürlichen Vernunft keineswegs be- sondere Konzessionen.
425) IV. Buch. K. 18. S. 554. Daß wir mit andern Worten bei unserm Schlußverfahren uns not- wendig im Zirkel bewegten.
426) IV. Buch. K. 18. S. 556. Raimundus Lullus hat sich mit diesem Beweise der Dreieinigkeit Gottes viel beschäftigt, so in den Quaestiones super librum sententiarum L. I. quaest. 6; dann in der disputatio fidelis (catholici) et infidelis p. 2. und p. 3; besonders aber in der disputatio fidei et intellectus part. I, wo die Frage nach der Beweisbarkeit der Trinität ausführlich erwogen, und part. II, wo der Beweis unternommen wird. Wahrscheinlich meint Leibniz das letztere Werk.
Der Keckermannsche Beweis, welcher sich an den des Lullus ziemlich anschließt, sowie dieser an den Gedanken Augustins, findet sich in dessen systema theologicum cap. III. (Hanoviae, P. Antonius, 1615, p. 20 ff.). Keckermann drückt sich im Eingange übrigens sehr bescheiden aus. Fateor equidem, sagt er, ultro, circa mysterium de ss. Triade, ad id esse omnem intellectum humanuni, quod est oculus vespertilionis ad solem etc.
Es verdient übrigens angemerkt zu werden, daß Leibniz selbst der Versuchung nicht hat widerstehen
IV. Buch. Kap. 18. Hl
können, die Trinitätslehre wenn nicht als vernunft- gemäß zu beweisen, so doch im apologetischen Inter- esse dem philosophischen Verständnis näher bringen zu wollen. Man vgl. Miscellanea Nr. IV. P. 8 — 15 (vgl. Xr. VIII. p. 26 ff.), worin vielfache Bemerkungen gegen die Sozinianer enthalten sind und das Bestreben hervortritt, den Terminis der kirchlichen Lehre einen philosophisch haltbaren Sinn abzugewinnen.
427) IV. Buch. K. 18. S. 559. Von Diego de Payva de Andrada werden zwei Bücher angeführt: Defensio Tridentinae fidei cathoUcae etc. adversus haereticorum detestabiles calumnias et praesertim M. Chemnicii Germani. Olyssipone, A. Riherius. 1578. 4*^. Und: Orthodoxarum explicationum de religionis christianae capitibus L. X. contra Chemnicium. Vene- tiis, 1564, 80.
La Mothe Le Vayer (1588—1672) hat über diesen Gegenstand gehandelt in seiner Schrift de la vertu des pa'iens am Schluß des ersten Teiles (zuerst Paris, 1642, dritte Ausgabe 1647), in den gesammelten Werken (Paris, A. Courbe, 1662) T. I. S. 582. Er geht auf diese Kontroverse bei Kirchenvätern und späteren Kirchenschriftstellern zurück und bringt viel Lite- ratur bei.
Puccius hat in der Schrift de efficacitate Christi servatoris in omnibus et singuUs hotninibus, quatcnus honmies sunt die Meinung aufgestellt, daß alle Men- schen durch die natürliche Kraft der Vernunft oder durch den natürlichen Glauben an den Weltschöpfer selig werden könnten.
Claude Pajon war Geistlicher in Orleans. „Er lehrte," wie Ulrich in der Anmerkung zu dieser Stelle sagt, ,,daß man dem Worte Gottes keine übernatür- liche, sondern nur bloß moralische Kraft zuschreiben müsse, die bei der Bekehrung eines Menschen ohne Gott und dessen wirklichen Einfluß auf die Seele wirke. Seine Amtsbrüder verhielten sich dabei nicht ruhig, sondern brachten ihn, „welches auch immer am vorteilhaftesten ist, durch allerlei Kalumnien und Vor- stellungen von dem nahe bevorstehenden Umsturz der
112 Erläuterung 427—432.
Religion vom Amte — fast ebenso, wie Doktor Stanzius den ehrlichen Seebald."
428) IV. Buch. K. 18. S. 561. Der ganze Vers lautet: Est deus in nobis, agitante calescimus illo. Ovidius Fast. L. VI. v. 5.)
429) IV. Buch. K. 18. S. 561. Das Dämonium des Sokrates, über welches in alter und neuerer Zeit viel geschrieben worden ist (vgl. C. R. Volquardsen, das Dämonium des Sokrates und seine Interpreten. Kiel, C. Schröder, 1862, 8^), läßt sich nicht etwa, wie dies versucht worden ist, auf einen bloßen „sitt- lichen" Takt zurückführen, sondern ist in der Tat, wie Leibniz es faßt, als eine außerordentliche Kund- gebung oder Erleuchtung zu betrachten, mag man nun die Quelle derselben in einem sich der menschlichen Seele auf geheimnisvolle Weise mitteilenden über- irdischen Wesen (einem Schutzgeist oder der Gott- heit selbst) oder aber in der lauteren Tiefe des Men- schengeistes selbst suchen.
430) IV. Buch. K. 18. S. 561. Daß der Enthusias- mus und die mantische Begeisterung mit der Störung des gewöhnlichen Seelenlebens verknüpft sei und da- mit sozusagen bezahlt werden müsse, behauptet schon Plato (im Phädrus). Diese Anschauung geht durch das ganze Altertum hindurch. Hervorragende Bei- spiele gotterfüllter Irreredender sind die Pythia in Delphi und die von Leibniz angeführte Cumäische Sibylle, welche Vergil zu Anfang des sechsten Buches der Aeneis auftreten und 'beim Nahen des Gottes gleichfalls vom Wahnsinn ergriffen werden läßt: et rabie fera cor da tument — „wild vor Wahnsinn schv/illt ihr das Herz".
431) IV. Buch. K. 18. S. 562. Gleichfalls aus Vergils Aeneis (K. IX. v. 184—185).
432) IV. Buch. K. 18. S. 562. Barkley stellte die Lehre vom „innern Licht" auf, welches der Ansicht dieses enthusiastischen Quäkers gemäß sich selbst als
IV. Buch. Kap. 18. 113
göttliches ankündigen und zu Offenbarungen führen soll. Besonders während der Verfolgung in den Bürgerkriegen traten solche „Offenbarungen" bei den Quäkern hervor, was Bancroft in seiner Geschichte der nordamerikanischen Staaten in lebendiger und panegyrischer V\'eise schildert (cap. 16 the inner light — the rille of conduct).
433) IV. Buch. K. 18. S. 562. Leibniz gibt hier die ganz angemessene und treffende Erklärung des angeblichen Vv'unders, welches bei ekstatischen Frauen- zimmern öfters beobachtet wird, daß sie „in fremden Zungen" oder wenigstens in einem ihrer sonstigen Sprachweise gänzlich verschiedenen Tone reden. Die „durch die Leidenschaft" belebte Phantasie ist, wenn sie, „von einem glücklichen Gedächtnis" unterstützt wird, das zum Verständnis jener Erscheinungen völlig ausreichende Erklärungsmittel, und derjenige, welcher dabei Wunder wittert, wird sicherlich getäuscht. Wenn z. B. eine sogenannte Hellseherin eine überraschend klare und großartige Theorie der Geisterwelt auf- stellt, wer weiß, ob sie nicht schon vorher durch münd- liche Mitteilung oder Lektüre von Swedenborgs oder Jung Stillings System Kunde empfangen hatte; wenn eine Bauerndirne „lateinisch predigt'', wer steht dafür, ob sie nicht durch ein lateinisches Gebet- oder Meß- buch gewisse Phrasen der Kirchensprache kennen ge- lernt hatte, welche das „glückliche Gedächtnis" bei der Ekstase ihr in Erinnerung und die „von Leiden- schaft belebte Phantasie" in irgend einen Zusammen- hang bringt? Was die sogenannte Fernsicht der Hell- seher anbetrifft, so sei an die Tatsache erinnert, daß noch von keinem derselben die Nummer der auf der englischen Bank verschlossen niedergelegten Hundert- pfundnote gelesen werden konnte, die zur Belohnung dessen, welcher sie aus der Ferne lesen kann, aus- gesetzt worden ist.
434) IV. Buch. K. 18. S. 562. Leibniz spricht öfters von dieser wunderlichen Heiligen, so besonders ausführlich in einem Briefe bei Feder {Cornm. epist. Leihn. selecta specimina Nr. CXLIV. p. 459), auch bei
Leibnil, i:Irläuterungen. b
114 Erläuterung 433—437.
Dutens Opp. T. I. p. 690 und p. 740. — Über die Bourignon handelt in einer längeren Anmerkung zu dieser Stelle Ulrich, Bd. IL S. 464—465.
435) IV. Buch. K. 18. S. 563. Ein Beweis der Ehrlichkeit dieser Schwärmerin und sehr abstechend von dem gewöhnlichen Gebaren derjenigen Begna- digten, welche, wie namentlich heutzutage zugunsten der jesuitisch- ultramontanen Propaganda geschieht, sich pfäffischen Zwecken als Werkzeuge dienstbar machen.
436) IV. Buch. K. 18. S. 563. Leibniz denkt dabei an die Sekten der Independenten, welche zur Revo- lutionszeit in England auftauchten und in der Regel von Enthusiasten gegründet wurden. Es mag dabei die Vermutung ausgesprochen werden, daß Leibniz auf die von ihm in diesem Kapitel berührten Persön- lichkeiten und Verhältnisse durch ein nicht lange vorher (1702) erschienenes großes Werk aufmerksam gemacht worden war, welches den Titel führt: Ana- haptisticum et enthusiasticum Pantheon und Geist- liches Rüsthaus wider die Alten Quäcker und Neuen Frey-Geister usw. (Köthen, bei W. A. Meyer), da seine Allegationen auffallend an dies Werk erinnern.
437) IV. Buch. K. 18. S. 564. Quirinus Kuhl- mann, ein Schlesier, geb. 1651, bekam infolge eines hitzigen Fiebers Visionen und hielt sich auf Grund dessen für heilig. Nachdem er sich mit Jak. Böhmes Schriften in Holland, damals dem Sammelplatz aller möglichen Sekten, beschäftigt, ging er auf Reisen, bis er 1675 nach Konstantinopel gelangte, wo er den türkischen Sultan für seine Offenbarungen zu ge- winnen suchte. Da ihm dies nicht glückte, reiste er nach Moskau, aber hier erreichte ihn das Schicksal, daß der griechische Patriarch — wie man sagt, auf Anstiften eines lutherischen Geistlichen — nach kurzem Prozeß ihn 1689 als Ketzer lebendig verbrennen ließ. (Vgl. Hagenbach, Vorlesungen über Geschichte des evangel. Protestantismus, S. 316 fL)
IV. Buch. Kap. 18. 19. 115
438) IV. Buch. K. 18. S. 564. Die Labbadisten sind die Anhänger Labbadies, über welchen Ulrich in einer langen Anmerkung zu dieser Stelle (Bd. II. S. 567) gehandelt hat.
439) IV. Buch. K. 18. S. 565. Ohne den Tiefsinn Jak. Böhmes zu verkennen, ist Leibniz doch nicht geneigt, den Schriften des berühmten Görlitzer Schusters eine große Bedeutung beizumessen. Auch an andern Stellen, wo er auf ihn zu reden kommt, verhält er sich abwehrend gegen ihn. So besonders in einem Briefe an Fried. Sim. Löffler (Korthoit, Bd. IV. S. 247; Dutens V. p. 409) : Lites de Boehmianis sententiis inanes esse censeo et Boehmium nee sibi nedum aliis intellectum. Rede igitur Dm. Hinckel- mannus urget Boehmii sectatores, ut mentem verbis communibus explicent, quae vera ratio est nugas e latebris in lucem yrotrahendi. (Hann. 13. Jan. 1693.)
440) IV. Buch. K. 19. S. 565. Vgl. Anm. 434. S. 112. Das Werk über die Quadratur des Zirkels ist 1677 unter dem Titel erschienen: Klarer Bewys von't Quadrat des Girkels.
441) IV. Buch. K. 19. S. 565. Nik. Drabitius, geb. 1585, ist von den böhmisch-mährischen Brüdern ausgegangen. In die Theosophie sich vertiefend, glaubte er seit 1638 göttliche Offenbarungen zu empfangen, auf welche hin er den Untergang des Hauses Österreich auf das Jahr 1657 prophezeite. Comenius ließ sich herbei, diese Dinge zugleich mit Weissagungen der Poniatowia und anderer Schwärmer im Jahre 1657 unter dem Titel Lux in tenehris drucken zu lassen, wovon eine zweite Auflage 1659 unter dem Titel: historia revelationum Ch. Kotiert, Chr. Ponia- ioviae, Nie. Drabitii etc. erschien. Beide Ausgaben, besonders die erstere, sind ungemein selten, weil Comenius, der einerseits betorgte, durch Nichtpubli- kation der von ihm aus dem Böhmischen übersetzten Prophezeiungen einem göttlichen Befehl zuwider zu handeln, anderseits aber sich lächerlich zu machen befürchtete, nur sehr wenige Exemplare drucken ließ.
116 Erläuterung 438—443.
Drabitius büßte für seine Prophezeiungen mit dem Tode, indem er 1671 als Staatsverbrecher zu Preß- burg eingezogen und hingerichtet wurde. Das merk- würdigste dabei ist aber der von Leibniz erwähnte und besonders von Bayle in seinem interessanten Artikel über Drabitius auseinandergesetzte Einfluß, den die Weissagungen des Drabitius auf die Unter- nehmungen und den Untergang des siebenbürgischen Fürsten Ragotzky hatten (vgl. Ulrichs Anmerkung zu S. 569).
442) IV. Buch. K. 19. S. 566. Diese Abhandlung des von Leibniz mit Recht gerühmten Jak. Thomasius, seines Leipziger Lehrers in der Philosophie, wird auch unter dem Titel : de officio hominis circa notitiam futurorum contingentium zitiert und ist vermutlich dieselbe, welche Christian Thomasius nach seines Vaters Tode in dessen Dissertationes LXIIL (Halae, 1698) als Programma XXXVL p. 396 unter dem Titel: de provisione circa futura contingentia hat abdrucken lassen. Jak. Thomasius, der von 1622 — 1684 lebte und in seiner Vaterstadt Leipzig viele Jahre Professor an der Universität war, ist als der erste Führer unseres Leibniz in der Philosophie zu betrachten, der ihm ein pietätvolles Sendschreiben philosophischen Inhalts widmete (Erdm. Nr. IV. p. 48; vgl. Guhrauer, Leibniz' Dissert. de princ. indiv. S. 33). Von Tho- masius schreibt es sich her, daß Leibniz nicht mit der Engherzigkeit seiner Zeitgenossen auf die Ge- schichte der Philosophie und vom gewöhnlichen Wege abweichende Lehrmeinungen blickte; auch hat Tho- masius ihn schon früh in die Polemik gegen _ den Empirismus eingeführt, wie er denn auch gleich seinem Mitschüler Christian Thomasius von dessen Vater die Liebe und Hochachtung für die deutsche Muttersprache überkam.
443) IV. Buch. K. 49. S. 567. Wieder ergreift Leibniz die Gelegenheit, am Schlüsse dieses Kapitels seine philosophische Wunderscheu an den Tag zu legen und seine Überzeugung anzudeuten, daß der Wahr- heitskern des Christentums in dessen Vernunft- und
IV. Buch. Kap. 20. 117
naturgemäßem Moralgehalt liege. (Vgl. K. 16 d. Buches, S. 517 ff.)
444) IV. Buch. K. 20. S. 571. Diese Geschichte wird Leibniz aus Jo. Bapt. Egnatii „Romani Prin- cipes" kennen, der sie am Schlüsse des ersten Buches erzählt. Roma hieß der gallus pugnax, also der Kampf- hahn des zur Zeit der Eroberung Roms durch die Goten zu Ravenna residierenden Kaisers, nicht ein Huhn, wie Leibniz schreibt. Das Werk des Egnatius befindet sich bei Sylburgs Script, hist. Augustae (Heidelberg, 1588) im zweiten Buche, wo die von Leibniz allegierte Geschichte p. 569 vorkommt.
445) IV. Buch. K. 20. S. 572. Urim und Thum- mim, wörtlich übersetzt: Licht und Vollkommenheit, oder auch: Offenbarung und Wahrheit, sind heilige am Brustschild des jüdischen Hohenpriesters befestigte Lose, welche als Orakel dienten. Eine gelehrte und unterrichtende Abhandlung von L. Diestel über diesen wahrscheinlich aus ägyptischer Tradition stammenden Aberglauben findet man in Herzogs Realenzyklopädie Band XVI. S. 742 ff.
446) IV. Buch. K. 20. S. 574. Calvins Abend- mahlslehre unterscheidet sich von der Lutherischen nui dadurch, daß er die lokale Gegenwart Christi im Abendmahl verwirft, wohl aber mit Luther in der Annahme einer realen Gegenwart übereinkommt. Seine Lehre findet sich am ausführlichsten in der ersten Ausgabe der institutio (1535), in seinem großen Kate- chismus (1536) und in der confessio fidei de cucharisfia (1537). Also eine reale, objektive Mitteilung der Person Christi im Abendmahlssakrament ist der Ge- halt dieser calvinischen Lehre, wie Leibniz den Ent- stellungen mancher Kontroversisten gegenüber richtig hervorhebt.
447) IV. Buch. K. 20. S. 575. Die erste Stelle ist aus Vergils Aen. L. III. v. 72; die im § 12 folgende aus den Bucolica desselben Dichters, Ekl. VIIL p. 108.
118 Erläuterung 444 — 452.
448) IV. Buch. K. 20. S. 578. In dem schon oben (Anm. 383. S. 97) erwähnten Werk de VuniU de Veglise, Paris, 1687.
449) IV. Buch. K. 20. S. 579. Holdens (geb. 1596, gest. 1665) Werk: Divinae fidei analysis., Parisiis, 1652, gilt als klassisch und war Leibniz w^ohl in der vermehrten ,Ausgabe d'Argentres vom Jahre 1698 zu Gesicht gekommen. — Das von Holden als Autorität gebrauchte Werk des Vincentius Leri- nensis, welches den Titel führt: Peregrini Commoni- torium (Gedenkbüchlein) duplex adver sus haereticos, stammt aus dem fünften Jahrhundert und bildet auch heutzutage einen HauptanstoJQ der jesuitischen Un- fehlbarkeitstheoretiker.
450) IV. Buch. K. 20. S. 579. Es war von jeher das Streben der Jesuiten, die Stiftung neuer Dogmen zu befürworten: unsere Zeit hat erfahren, was für ein Zweck dahintersteckt. Die gallikanische Kirche nun und die allgemeine katholische Tradition wollten von neuen Dogmen nichts wissen und sprachen den Kon- zilien nur die Macht zu, das dem christlichen Bewußt- sein schon als Dogma Gegebene, durch die Tradition Geheiligte zu behaupten und seinem Sinne nach zu erklären.
451) IV. Buch. K. 21. S. 583. Mit Recht kann Leibniz sich hier auf die Alten berufen, bei welchen jene Dreiteilung der Wissenschaft in der angegebenen Weise sich bereits findet. Schon Plato soll dieselbe gelehrt haben (Cic. Akad. post. 1, 5, 19); jedenfalls hat sie dessen Schüler Xenokrates ausdrücklich an- genommen, wie uns Sextus Empiricus (adv. math. VII, 16. ed. Bekker p. 193) berichtet, und nicht minder findet sie sich bei den Stoikern und Epikureern, von denen die ersteren, wie gleichfalls Sextus in der an- geführten Stelle berichtet, sich verschiedener Gleich- nisse bedienten, um die Stellung der drei Disziplinen der Philosophie zueinander zu veranschaulichen.
452) IV. Buch. K. 21. S. 584. Laur. Beyerlinck hat das oben (S. 519 vgl. Anm. 393) erwähnte
IV. Buch. Kap. 21. 119
Zwingersche Theatrum als „Magnum theatrum vitae humanae' in acht Bände eingeteilt zuerst zu Köln 1631 herausgegeben. In der Tat ist diese neue Ausgabe mit alphabetischer Ordnung weniger wert, als die ältere Redaktion des Buches, die nach sachlichen Ge- sichtspunkten die Materien systematisch abhandelte.
453) IV. Buch. K. 21. S. 584. Der Satz: tot esse scientias quot veritates, ist der schärfste Ausdruck des nominalistischen Individualismus. Dem Nominalismus zufolge gibt es nur Erkenntnisse des Besonderen, während alles Allgemeine ein bloßes figmentum vieniis, Produkt der Abstraktion, ist, daher sich die wahre und eigentliche Wissenschaft immer nur auf das Ein- zelne beziehen kann und deswegen so viel Wissen- schaften als (einzelne) Wahrheiten sind. — Über Leib- nizens Studien des Nominalismus handelt Guhrauer in der Ausgabe der Dissertatio de principio individui (Berlin, Veit & Co., 1837) S. 39 ff. Vgl. de stilo philos. Nizolii § 28 (bei Erdmann Nr. IV. p. 68—69).
454) IV. Buch. K. 21. S. 585. Leibniz meint die Idea medicbiae veterum des bekannten holländischen Arztes Beverwyk, dessen mit Catsschen Versen und mit Kupfertafeln verzierte Bücher ihrerzeit viel Auf- sehen machten und viel Anklang fanden. Jenes Werk erschien 1627 zu Amsterdam bei Elzevir und öfter.
455) IV. Buch. K. 21. S. 586. Die von Leibniz hier angeführte Unterscheidung des analytischen und synthetischen Verfahrens weist zunächst auf Descartes und dessen Schule zurück, welche ihrerseits an die aristotelischen Bestimmungen angeknüpft